Heiraten in der Ukraine

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    • Heiraten in der Ukraine

      Nein, ich werde nicht fragen welche Apostille ich auf welchem Dokument brauche. :D
      Ich war im Oktober eingeladen zu einer Hochzeit in der Ukraine. An und für sich nichts ungewöhnliches. Aber dieses mal war es eine echte Dorfhochzeit, mitten in der Ukraine. Und als kleine Besonderheit, war der Bräutigam aus der Westukraine.
      Eigentlich fing alles ganz normal an. Die Autos wurden geschmückt (mein Auto wird nie wieder so toll aussehen) und das Haus der Braut verriegelt und verrammelt, denn die Braut sollte ja freigekauft werden. Bald schon kam der Bräutigam samt Verwandtschaft um die Braut abzuholen. Das war nicht so einfach. Ein Trauzeuge wurde nach zähen Verhandlungen immer meterweise vorgelassen. Dabei wechselten Geld, Konfekt, Schnapsflaschen usw. den Besitzer. Das war sehr lustig, dauerte aber schon mal eine gute Stunde. Ich hatte schon fast Angst, dass der Bräutigam die ganze Sache abbläst. Dann ging es mit viel Gehupe ins Standesamt, zum Phototermin ins Kloster, auf die Brücke zum Schloss anhängen und Sektflasche zerschlagen und zum nächsten Phototermin.
      Nach dem dieses geschafft war ging es in ein schönes ukr. Restaurant, wo die ca. 100 Gäste gut Platz fanden. Vor dem Restaurant, übernahm dann eine sehr resolute Dame die weitere Leitung der Festlichkeiten. Das Brautpaar durfte Brot teilen, Salz essen, Tauben fliegen lassen usw. Danach defilierte die Gästeschar an dem Brautpaar vorbei, Küsschen von der Braut (das arme Mädel), Händedruck dem Bräutigam und nach einer großzügige Spende in das bereitstehende Riesenglas wurde man dann eingelassen. Auf Wunsch der Gäste aus der Westukraine begann der lustige Teil ersteinmal mit einem Gebet. Der Abend war dann wirklich toll. Es wurde gegessen, getrunken, getanzt und verschiedene Spielchen gespielt. Die Spielchen hatten teilweise einen schon sehr zweideutigen Charakter, dabei waren doch noch kleine Kinder anwesend :phat:
      Mit einem kleinen Feuerwerk klang der erste Tag dann aus.

      Der zweite Tag sollte noch interessanter werden. Doch dazu ein andermal, denn sonst heißt mein nächstes Thema "Scheidung von einer Ukrainerin" :phat:
    • Noch eine Ergänzung zum ersten Tag. Die Musik machte ein Alleinunterhalter mit seiner Technik. Interessanter Weise gab es überhaupt keine "Westmusik" sondern nur sowjetische, ukrainische und russische Lieder. Bei manchen Titeln kamen nostalgische Erinnerungen auf, wurden diese doch schon zu meiner Hochzeit gespielt.
      Tag Nummer zwei stand ganz im Zeichen von Zigeunern. Früh versperrten wild verkleidete Typen den Eingang ins Restaurant. Rein kam man nur gegen eine Spende in das schon bekannte Glas und nach dem man ein Glas Wodka geleert hatte. An diesem Tag, wurde neben Essen, Trinken und Singen, viel Schabernack getrieben. Irgend woher hatte jemand Uniformen der DAI aufgetrieben. Damit wurde versucht an der Straße, wildfremde Autos anzuhalten. Jeder der anhielt wurde mit großem Gejohle begrüßt und ein Glas Wodka eingeschenkt. Der Einladung, mit zur Festtafel zu kommen ist allerdings niemand gefolgt. Auch die Autos die nicht anhielten haben freundlich gehupt und gewunken.
      In dem Dorf wurde die Straße neu gebaut. An diesem Tag war die Maschine da, die eigentlich die Markierung auf die Fahrbahn aufbringen sollte. Die wurde von ein paar Hochzeitsgästen kurzerhand, samt Fahrer gekapert und für Rundfahrten durchs Dorf benutzt. Zur Belohnung gab es für den Fahrer, na ihr wisst schon was. Also falls die Striche auf den ukrainischen Straßen mal nicht so gerade sind, dann wisst ihr jetzt woran das liegt.
      Am meisten haben an diesem Tag die Eltern der Braut abbekommen. Die wurden in ein seltsames Kostüm gesteckt, welches eine Mischung aus altertümlichen Schlafanzug, Strampelanzug und sonst was war. Außen war gut sichtbar angebracht, dass was Männlein und Weiblein so unterscheidet :D . Er, hatte z.B. eine Möhre und zwei Zwiebeln an entsprechender Stelle angesteckt bekommen. Das war ein Gaudi! Für die Damen war sogar anfassen erlaubt. Danach wurden die Beiden auf einen Karren gepackt und von der ganzen Gesellschaft durchs Dorf gezogen. Die Fahrt endete am Dorfteich, wo dann letztendlich der Vater der Braut landete. Er war nicht lange allein im Wasser. Bald bekam er Gesellschaft von den Trauzeugen und anderen "Rettern". Die Kälte haben die Helden tapfer mit Wodka bekämpft. Als ich in einer Lachpause mal fragte, warum nur die Eltern der Braut dran glauben mussten, wurde mir erklärt, dass man ja nicht weiß wie so die Traditionen in der Westukraine sind und ob die solche Späße verstehen. Aber die Zurückhaltung war bald überwunden und auch die Eltern des Bräutigams landeten auf dem Karren. Das Bad im kalten Wasser wurde ihnen allerdings erspart.
      Was mich überraschte war die Menge der eindeutig, zweideutigen Scherze. So hatte ich die Leute überhaupt noch nicht erlebt.
      An dem Tag gab es noch größere und kleinere Geschenke, die mehr oder weniger ernsthaft von versammelter Mannschaft kommentiert wurden. So lange und oft wie an diesem Tag hatte ich schon lange nicht mehr gelacht.
      Leider mussten sich viele der Gäste aus der Westukraine wieder auf den Heimweg machen. Doch am Ausgang des Restaurant stand schon der Vater der Braut, der peinlich darauf achtete, das jeder sein Glas Wodka auf den Weg austrank.
      Ganz überraschend für mich gab noch einen dritten Tag. Mehr dazu beim nächsten Mal.
    • Danke für die Erinnerung und das Interesse!

      Wie gesagt, mit dem dritten Tag hatten wir gar nicht mehr gerechnet. Der Tradition nach kommen an diesem die "Zigeuner" und nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Ein paar Hochzeitsgäste waren allerdings schon am zweiten Tag als Zigeuner verkleidet auf der Hochzeit erschienen. Deshalb nahm Schwiegermutter an, dass alles vorbei sei. Sie schwelgte noch in Erinnerungen an die guten alten Zeiten, wo Hochzeiten noch richtige Hochzeiten waren und sie als "junge Zigeunerin" dem Nachbarn den Kühlschrank ausgeräumt hatte.

      Sie sollte sich aber gründlich geirrt haben. Am Montag schickte sie mich mit irgendwelchen Aufträgen zur Verwandtschaft in die Nachbardörfer. Als ich dann am Nachmittag zurückkam, kam mir schon ein bunter Trupp von "Zigeunern" entgegen. Als sie mein Auto sahen, wurde es ersteinmal mit lautem Gejohle umzingelt. An Weiterfahren war erst nach zähen Verhandlungen und Entrichten eines entsprechenden Obolus zu denken. Na wenigstens gab es gleich noch die Einladung für den Abend zum Restevertilgen.
      Dann, auf Schwiegermutters Hof herrschte helle Aufregung. Die "Zigeuner" waren da gewesen. Hahn weg, Huhn weg, Bohnen weg, Kürbis weg ....alles weg. Aber Schwiegermutter hatte trotzdem eine super gute Laune, denn so ist es halt dort Sitte. Ich hatte auch gute Laune, denn den einen blöden Kürbis wollte meine Frau ja eigentlich mit nach Berlin nehmen. :D

      Abends wurde noch einmal aufgetafelt. Den einen Hahn glaubte ich zu kennen. :) Die "Zigeuner" zeigten was sie so alles erbeutet hatten und gaben die entsprechende Geschichte hierzu zum Besten. Unter den Trophäen war u.a. auch ein Schutzhelm und eine Schaufel von der nahe gelegenen Straßenbaustelle. :D
      Na und dann lernte ich noch die ukrainische Variante von Rumpelstilzchen kennen. Ein Fahrrad wurde zu einer Art Spinnrad umfunktioniert. Allerdings war der Effekt, dass das Stroh was damit gesponnen wurde in hohem Bogen unter die anwesenden Gäste flog. Das soll Glück bringen. Und "Rumpelstilzchen" sorgte höchstpersönlich dafür, dass jeder etwas vom Glück abbekam, auch wenn man es denn Leuten in den Kragen stopfen musste.

      Diese Hochzeit war schon ein riesiges Erlebnis. Am meisten hatte mich überrascht, dass die Leute wie die kleinen Kinder rumblödeln konnten. Manch ein Scherz war schon dicht an der Schmerzgrenze. Aber niemand hat sich auf den Schlips getreten gefühlt.
    • Ich kann mich noch gut an meine eigene Hochzeit erinnern - zwar in Deutschland, aber weitestgehend nach ukrainischer Tradition.
      Natürlich lief vieles viel zahmer ab, weil ja doch eine Reihe Gäste Deutsche waren, und das hat mir an einigen Stellen doch ziemlich den Arsch gerettet (ich hatte schon im Vorfeld verkündet, dass ich auf das auf-einen-Stuhl-gebunden-werden keinen Bock hätte, aber die Damen bestanden darauf, nur kam es dann am Abend schlicht nicht dazu, weil die Feier doch ziemlich ihre eigene Dynamik entwickelt hatte).

      Wie es sich für gute Westukrainer gehört, ging es dann, nachdem wir von unseren georgischen Freunden, die uns netterweise mit Wein und Essen versorgt hatten (übrigens: geovino.de, sehr zu empfehlen, praktisch der Online-Händler für georgischen Wein in Deutschland!), mitsamt unserem Kram nach hause gebracht worden waren, mit den noch überlebenden Gästen in unsere Küche, wo noch einige Fläschchen geöffnet und gesungen wurde (ich weiß nicht, wie ich da noch Gitarre spielen konnte, aber es ging irgendwie!). Als wir dann schließlich soweit waren, alle gemeinsam "Там, під Львівським замком" anzustimmen, stand dann ein Nachbar auf der Matte und erklärte, dass er schon ganz gern ein wenig schlafen würde.

      Das Schleier-Werfen und Revolutionslieder-singen wurde dann immerhin ein paar Monate später in Polen in der Plattenbauwohnung unserer Trauzeugin nachgeholt :)