Mein 2. Besuch in Russland

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    • Mein 2. Besuch in Russland

      Wie schon angekündigt, fängt nun hier mein "Reisebericht" über meinen 2. Russland-Aufenthalt an, eigentlich ist es kein Reisebericht und von "Urlaub" will ich gar nicht erst reden. Na, dann fange ich mal an mit

      Teil I (Anreise/Stavropol)
      Wir schreiben Montag, den 22.7., es ist 05.00 Uhr, aber ich kann nicht mehr schlafen, denn heute soll es endlich losgehen, nach 6 Jahren mein 2. Besuch in der Heimat meiner Frau Anna. Die gute Tatjana will uns nach Hamburg bringen, Emmely in Pflege nehmen. Nach kurzem Frühstück fahren wir um 07.00 Uhr los, mit einigen Mühen konnten wir 1 große Reisetasche, 1 Trolley,1 Koffer, 2 x Handgepäck in unseren neuen kleinen Seat Mii unterbringen, aber es ging. Ich fahre über die BAB A 1, meine gewohnte Strecke zum Flughafen Hamburg. Dort verabschieden wir uns von Tatjana, die über Segeberg zurückfahren will, da sie BAB`s meidet wie die Pest. Na gut, Hauptsache, wir sind erst einmal in Hamburg. Einchecken und um 11.10 Uhr startet die Lufthansa-Maschine nach Moskau Vnukovo. Planmäßig landen wir dort, die übliche umständliche Prozedur für Einreisende mit Paßkontrolle und pi, pa, po.

      Nun haben wir rund 5 1/2 Stunden Aufenthalt. Wir verbringen die Zeit in einem modernen Flughafen. Das gastronomische Angebot ist enorm, die Speisen sind lecker, frisch zubereitet, kosten dafür aber auch (!), für eine gute Mahlzeit mit 2 Getränken zahlen wir rund € 25,--, nun gut, Flughafenpreise sind annähernd überall in den Metropolen dieser Welt gleich. Ich tausche € 50,-- und erhalte dafür Rubel 2.100,--, der Kurs am Flughafen ist eben auch nicht die Welle, aber fürs erste soll es reichen. Irgendwie geht die Zeit nicht voran, uns wird langweilig und endlich gegen 20.30 Uhr können wir langsam einchecken, der Flug nach Stavropol in den Kaukasus wird ca. 2 Stunden dauern und dort landen wir dann auch endlich um ca. 23.30 Uhr. Der Stavropoler Flughafen ist relativ klein, nur wenige Maschinen starten und landen hier täglich, meistens von und nach Moskau. Schmunzeln über die russischen Verhältnisse muss ich nach dem Ausrollen der Maschine bis zu ihrem Parkplatz: Die rund 80 Meter Entfernung bis zur Passkontrolle müssen alle Passagiere mit dem Bus fahren, der fährt dann auch gleich drei mal die kurze Strecke. :walklike:
      Auf dem Minimalkofferband kommt alsbald unser Gepäck und während wir warten, stürmen uns schon Annas Schwester Valentina und ihr Mann Sergej entgegen, nehmen uns in die Arme. Sergej hat mächtig an Leibesumfang zugenommen und ich habe Mühe, nicht von ihm erdrückt zu werden.
      Wir verstauen unser Gepäck in das neue Auto unserer Gastgeber, ein Honda SUV, das Gepäck passt mühelos hinein und nach ca. 25 Minuten Fahrt sind wir am 1. Zielpunkt unserer Reise angekommen. Schwager und Schwägerin bewohnen eine ca. 130 qm große Luxuswohnung in einem Mehrfamilienhaus. Äußerlich hat sich dort nichts verändert, auf den wenigen Parkplätzen stehen Jaguar, Porsche Chayenne, wichtige SUV´s aller Fabrikate und als Höhepunkt entdecke ich einen DB S 65 BI-Turbo, 12-Zylinder, solch eine Karre habe ich sogar in old Germany noch nie gesehen.
      Die Wohnung selbst kenne ich ja schon, sehr komfortabel und chic eingerichtet, in jedem Zimmer gibt es einen Fernseher. Wir sitzen bis weit nach Mitternacht in der Küche und ich bekomme das erste mal das Gefühl, 5. Rad am Wagen zu sein, dieses Gefühl sollte ich während des gesamten Aufenthaltes noch öfters und weitaus stärker verspüren. Anna hat mit Schwester und Schwager viel zu erzählen, obwohl sie mindestens dreimal die Woche telefonieren. Ich sitze stumm daneben, nur manchmal übersetzt Anna einige Passagen des Gesprächs. Na ja, ich wusste ja,auf was ich mich da eingelassen hatte.

      Nächster Morgen, ich wache früh auf, für russische Verhältnisse viel zu früh. Ich vermisse ein Radio, aber überall, selbst in der Küche, steht ein Fernseher. Nun gut, eine rauchen. Die Küche hat noch eine Abrennung, dort steht eine Waschmaschine und einiges an hauswirtschaftlichem Gerät und am offenen Fenster darf ich rauchen, wenn die Tür zur eigentlichen Küche zu ist. Neben mir raucht sonst keiner.Am Flughafen in Moskau kaufte ich noch 5 Schachteln Marlboro für insgesamt 350 Rubel (ca. 7 €), der Preis ist ein Witz gegenüber unserem. Allerdings gibt es keine Zigaretten ohne Filter.

      Nach dem Frühstück fahren wir 4 zur Post, schließlich muss ich angemeldet werden und den Stress des letzten Besuchs vor 6 Jahren möchte ich nicht noch einmal haben.Auf dem Postamt durfte ich dann wieder :rotfl: Während Sergej der jungen Dame hinter dem Schalter unser Problem erklärte, zuckte diese nur ahnungslos mit den Schultern. Genau so hatte ich es mir gedacht. Die Chefin des Postamtes wurde geholt, eine ältere, streng dreinblickende Dame. Sie gibt wenigstens zu, von diesem Problem gehört zu haben und kramt wichtig in einigen Unterlagen herum, fördert tatsächlich ein Anmeldeformular hervor. Aber es ist ihr einziges, und das will sie nicht rausrücken. Endloses Palaver zwischen unseren Gastgebern, Anna und der Chefin des Postamtes. Schließlich bequemt sich diese, vom Formular eine Kopie zu machen. Sergej erhält die Anweisung das Formular auszufüllen, mit dem Nachweis über die Mietwohnung/Eigentumswohnung dann wiederzukommen, ein paar Rubel zu zahlen und die Sache ist erledigt. Tief durchatmen, wir erst einmal raus und ab in die Stadt.
      Stavropol hat schöne Parks, die wirklich sehenswert und sehr gepflegt sind. Dort ruhen wir uns aus, es ist gute 28 Grad warm und wir wollen in ein Café gehen, um etwas zu trinken, bzw. zu essen. Das Café kenne ich, dort war ich vor 6 Jahren bereits einmal mit Anna. Damals trafen wir uns mit Ralf (Fucano) und dessen Frau, die auch aus Stavropol kommt und der eine umfangreiche Internet-Seite über Stavropol betreibt.
      Die Frauen essen Kuchen, trinken Tee, ich einen Mojito ohne Alk, der lecker schmeckt und Sergej gönnt sich einen kleinen Salat. Alles schmeckt gut, ist frisch und lecker, auch die Preise. Ich zahle rund 1.800,-- Rubel für alles.
      Spät nachmittags gibt Sergej dann das Formular wegen meiner Anmeldung zusammen mit dem Eigentumsnachweis der Wohnung auf dem Postamt ab, ich erhalte einen Abschnitt, den ich von nun an immer mit Pass bei Bedarf vorzuzeigen habe.

      Der 1. Abend selbst verläuft dann gemütlich in der Wohnung unserer Gastgeber. Am Mittwoch, 24.7. will Valentina uns dann nach Peredovaja zu den Eltern von Anna bringen. Darauf bin ich schon gespannt.

      Morgen geht es weiter mit Teil II.


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    • Teil II Peredovaja

      Es ist Mittwoch, der 24.7., der Tag also an dem uns Valentina nach Peredovaja zu den Eltern, bzw. meinen Schwiegereltern bringen will. Die Wettervoraussagen versprechen gute Aussichten, deshalb entschließen wir uns, nur leichte Sommerbekleidung mitzunehmen, ich verzichte ganz auf lange Hosen, denn im Dorf kann man leger herumlaufen. Den Rest des Gepäcks lassen wir in Stavropol, Valentina und Sergej werden unsere Sachen dann mit zum Ferienhaus von Sergejs Mutter mitnehmen, wo wir dann die restlichen Urlaubstage gemeinsam verbringen werden.
      Vor uns liegt eine Reise von ca. 150 km und gut 2 Stunden Autofahrt. Über ein Stück Autobahn geht es zunächst über gepflegte Landstraßen weiter und wir genießen die atemberaubende Landschaft, die an uns vorüberzieht. Hügelige Abschnitte wechseln mit flachen Ebenen, es geht vorbei an riesigen Sonnenblumenfeldern, deren leuchtendes Gelb uns an die Felder mit Raps hier bei uns im Norden erinnert. Kilometerweit ist nichts als Natur, niemand auf den Feldern, der Verkehr ist relativ ruhig und so erreichen wir das Dorf Peredovaja nach einem kurzem Zwischenstop (Rauchpause für mich) um ca. 14.30 Uhr.

      Dort werden wir schon sehnsüchtig erwartet, Mutter und Vater haben Tränen in den Augen, Annas Tochter mit der kleinen Uljiana, die schon eine Woche dort sind, alle begrüßen uns überschwenglich. Mutter hat schon Essen vorbereitet und so müssen wir alle erst einmal die unvermeidlich frische Suppe mit Brot, danach Putenfleisch mit Gemüse probieren. Zum Trinken gibt es selbst gemachten Saft aus Aprikosen, der wenig später bei mir eine „durchschlagende Wirkung“ zeigen soll.

      Anschließend Geschenke auspacken und übergeben. Für Mutter einige Frauenutensilien und etwas zum Anziehen, für Vater die 2 Angeln mit Filettiermesser und einem Kombiwerkzeug.
      Dazu als besonderes Geschenk einen Hut. Diese Art Hut trug bereits mein Lieblingssänger Bob Dylan, einen schwarzen Filzhut mit einem bunt geflochtenem Band herum. Von diesen Art Hut habe ich 2, einen davon trug bereits mein verstorbener Vater, danach übernahm ich ihn wieder und nun tragen Schwiegervater und Sohn den gleichen Hut. Ehrfurchtsvoll nimmt Vater die Geschenke entgegen und freut sich, er ist stolz wie Oskar.

      Nach dem Essen stecke ich mir erst mal eine an und beschließe Haus und Hof in Augenschein zu nehmen. Da wäre als erstes der Haushund Dschu-Dschuk, mittlerweile 17 Jahre alt, aber noch topfit. Freudig begrüßt er mich als alten Kumpel, als sei ich nie vergessen worden. Aber wie sieht der arme Kerl bloß aus. Die alte Kette, mit der er stets rund 3 mtr. Im Umkreis Auslauf hat, ist immer noch vorhanden, zum Glück hat er eine neue Hundehütte bekommen, die allerdings arg verdreckt ist. Der ganze Hund ist total verfilzt, ständig kratzt und beißt er sich, die Umgebung seiner Hundehütte ist total verdreckt und mit Kot- und Fressresten nur so übersät. Trotz allem nehme ich ihn in die Arme, er weiß, das jetzt wieder jemand da ist, der sich um ihn kümmern wird.
      Weiter. Vom Eingang des Grundstücks gelangt man zunächst in den Innenhof, das heißt ein eigentlicher Innenhof ist es nicht, aber ca. mit 25 qm dichtbewachsenem Wein überwachsen, der Schutz vor Regen, Wind und Sonne bringt. Das für unsere Verhältnisse winzige Haupthaus beinhaltet einen winzigen Flur, links daneben eine Speisekammer mit Kühlschrank, dann folgt der Hauptraum mit 2 Sofas, Tisch und Waschgelegenheit, den Rest des Raumes teilt sich ein großer Ofen mit dem kargen Mobiliar. Rechts davon noch ein Zimmer mit einer großen ausziehbaren Schlafcouch, dem Fernseher und einer schmalen Abseite, die als Abstellraum für unser Gepäck und etliches andere genutzt wird.
      Das Haus ist mittlerweile renovierungsbedürftig, wie fast alle Häuser im Ort. Wieder draußen gelangt man in einen kleineren Anbau, der eine winzige Küche mit uraltem Mobiliar, eine winzige uralte Schlafcouch und einem uraltem 4-flammigen Gasherd beherbergt. Einen Backofen gibt es nicht, dafür noch einen modernen Kühlschrank.
      Rechts von diesem Bau schließt sich ein Schuppen an, daneben dann der Hühnertrakt, ich zähle einen stolzen Hahn und ca. 1 Dutzend muntere Hennen. Gegenüber dann das Banja, eher ein Schuppen, aber inzwischen gibt es eine richtige Dusche mit Warmwasser, das Loch im mit Linolium ausgelegtem Boden dient als Abfluss nach wie vor. Ein uralter Holzhocker und ein kleiner blinder, beschlagener Spiegel runden die Einrichtung des Banjas ab.
      Weiter in den Garten. Hier ist alles am Wachsen, was man sich vorstellen kann. Die Apfelbäume sind sehr schwer tragend, alle paar Minuten fallen die reifen Früchte herunter. Daneben Birnen, Pflaumen, Gemüse, Kartoffeln, Himbeeren, Brombeeren und Kräuter.
      Das alte Holzklosett steht auch noch, der Anstrich ist schon arg verwittert und daneben fristet das gemästete Hausschwein in seinem Trog ohne Bewegungsfreiheit sein Dasein.
      Rechts daneben schließt sich ein verrosteter Zaun an, der Platz und Schutz für ein Dutzend Enten gibt, die laut schnatternd den Neuankömmling begrüßen. Auf Steinplatten wieder zurück zum Innenhof liegt noch eine kleine Stallung für die Pute mit insgesamt 14 jungen Sprößlingen. Und schließlich schnurrt auch noch Kut, das jüngste Mitglied, ein zugelaufener junger Kater brav um eine Beine herum.
      Ich merke vor allem eines, die Eltern sind mit 75 bzw. 76 Jahren längst nicht mehr so fit, um das alles in Schuss zu halten. Das Hauptaugenmerk liegt im Füttern und Aufziehen der Tiere, Holz für den Winter spalten und die Gartenpflege. Für Reparaturen fehlt einfach die Zeit und die Gesundheit. Vor allem Vater merkt man den überstandenen Herzinfarkt an, zudem die jetzigen Probleme mit der Gicht.
      Wir schärfen ihm ein, unbedingt die mitgebrachten Medikamente regelmäßig einzunehmen, die Ernährung umzustellen und sich an die Anweisungen zu halten. Aber wie das so ist bei alten Leuten in Russland, das was immer geschmeckt hat, am liebsten Schweinefleisch in allen Variationen, kann nicht verkehrt sein. Nun ja, er muss selbst wissen, was am besten für ihn ist. Wir als selbst mittlerweile alte Leute können da nur Ratschläge geben.
    • Der Tag endet mit dem Lösen des Schlafproblems. Anna und ich schlafen im ersten Raum des Hauses auf einer Couch, die zweite Couch belegt Schwiegermutter. Im zweiten Raum schlafen Irina und Töchterchen Ulijana, Vater will auf der Minicouch in der Küche schlafen.
      Eine bessere Lösung finden wir nicht.
      Donnerstag, 25.7.
      Mich plagen erstmals starke Zahnschmerzen. Bereits beim letzten Zahncheck sagte mir mein Zahnarzt, falls der rechte obere hinterste Backenzahn Probs bereiten sollte, muss er raus.
      Dieses Problem deutet sich nun an. Ich sitze nunmehr den ganzen Tag nutzlos herum. Rauche inzwischen russische filterlose Zigaretten der Marke Prima, 10 Schachteln für umgerechnet 5 €. Das kostet bei uns eine Schachtel !!
      So widme ich mich der Pflege von Dschu-Dschuk. Schneide ihm die Filzstellen aus dem Fell, bürste ihn, säubere sein Haus und die komplette Umgebung und spendiere ihm Medikamente aus der mittlerweile vorhandenen Dorfapotheke gegen das Hautjucken, gebe ihm ein paar mitgebrachte Leckereien zu Fressen. Auch einen neuen Wassernapf, schwer aus Gußeisen und unzerstörbar, erhält er neben einer mitgebrachten neuen Hundeleine als Geschenk. Der arme Kerl blüht förmlich auf und dankt es mir mit treuen Blicken aus den alten Hundeaugen. Er weiß jetzt, sein bester Freund ist wieder da, geht dreimal am Tag mit ihm spazieren und kümmert sich.
      Neben dem Zahnproblem bekommen wir auch noch einen Wetterwechsel zu spüren. Ab nachmittags ziehen dunkle Wolken auf und im Laufe der nächsten 3 Tage werden wir förmlich von einer gewaltigen Gewitterwelle überrollt. Das hält bis Sonntag, dem 28.7. so an, ich sitze ständig allein eigentlich nutzlos herum und immer wieder beschleicht mich das Gefühl, 5. Rad am Wagen zu sein. Niemand, außer Anna, versteht mich, mit niemanden als mit meiner Ehefrau kann ich sprechen. Alle scheinen den Tag über beschäftigt, Anna und Tochter mit der kleinen Ulijana, Mutter und Vater mit Essen kochen, Gartenarbeit, Tiere füttern. Die Zahnschmerzen nehmen kein Ende, Tabletten aus der Apotheke helfen inzwischen auch nicht mehr.
      Montag, 29.7.
      Trotz meiner Schmerzen soll es heute endlich zum Angeln losgehen. Das ist nicht so einfach,wie ich es mir vorgestellt hatte. Zunächst kommt Besuch. Wie Anna mir erklärt, ist es der frühere Chefarzt der Krankenstation vom Dorfkrankenhaus. Aus Frust über alles mögliche (Korruption, etc. pp.) hat er das Handtuch geworfen, seinen Beruf an den Nagel gehängt und züchtet jetzt Bienen und verkauft Versicherungen. Ich frage mich nur, wie und gegen was die baufälligen Häuser und deren karge Inneneinrichtungen versichert werden sollen. Na egal, der Mann ist jedenfalls auch Angelexperte. Er rüstet unsere Angeln auf, erklärt uns, wie die tags zuvor ausgegrabenen Würmer am Haken befestigt werden und kommt schließlich unserer Einladung, doch mitzukommen, gerne nach.


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    • Fortsetzung Teil II

      Als Ziel unserer Exkursion ist eine private Teichanlage in rund 7 km Entfernung ausgemacht worden. Den Inhaber kennt Vater (wen kennt er eigentlich nicht) persönlich, er schuldet ihm noch etliches. Als Fahrer fungiert ein Freund des Vaters, ein ebenfalls pensionierter Lehrer, der alsbald mit einem uraltem, stinkenden Lada vorfährt. Inzwischen ist auch der Bienenzüchter wieder eingetroffen, er hat seine ca. 13-jährige Tochter mitgebracht, beide schleppen eine umfangreiche Ausrüstung mit sich. Mutter hat reichlich Verpflegung eingepackt, alles wird in den kleinen Lada verstaut und nach ca. einer halben Stunde sind wir dann vor Ort. Die Anlage besteht aus mehreren ca. 1 – 1,5 Hektar großen Teichen, Natur pur. Jetzt rächt sich für mich keine lange Hose dabei zu haben, der Weg vom Parkplatz bis zu den Fischgründen ist über und über mit mannhohem Gras, Brennesseln bewachsen und die zahlreichen Mücken und Ameisen sorgen bereits nach kurzer Zeit dafür, das sich meine Beine wie rotes geschwollenes Fleisch präsentieren.
      Die Anlage ist gut besucht, ganze Familien sind hier vor Ort und verbringen den ganzen Tag damit, ein paar Forellen zu fangen und damit für eine abwechslungsreiche Mahlzeit zu sorgen. Doch das Angeln ist nicht so einfach. Während der Experte unter uns gleich 5 Angeln auslegt, seine Tochter eine, haben Vater und ich die neuen Angeln neben einer uralten russischen Angel ohne Schnurrolle im Einsatz. Immer wieder muss die Schur überprüft werden, die Würmer neu aufgesteckt werden, nur der Erfolg bleibt aus. Stunde um Stunde vergeht, der Experte hat ganze 5 kleine Krebse gefangen, mehr nicht. An meiner Schnur zappeln zwei ca. 10 – 15 cm lange Fische, ich will sie schon wieder hineinwerfen, da bedeutet mir Vater, die Fische mitzunehmen für den Kater Kut.
      Inzwischen zieht wieder eine gewaltige Gewitterfront auf und nach wenigen Minuten schüttet es wie aus Eimern. Wir packen unsere Siebensachen zusammen und gehen mühsam und durchnässt den ca. 1 km langen, steilen Rückweg an.
      Zurück im Dorf werden wir mit Humor von unseren Damen erwartet, Anna tröstet mich, als einziger immerhin 2 winzige Fischlein gefangen zu haben und der Kater Kut schnappt sich sich die unerwartete Köstlichkeit und verzieht sich damit in den nächsten Schuppen. Tja, das war er also, der lange erwartete Angelausflug in Russland. Na ja, ich war enttäuscht, aber aufgrund Vaters Gichtproblemen mit dem Bein war an einen neuerlichen Ausflug nicht zu denken. Er will in Zukunft im nahe gelegenen Fluss angeln gehen, das hat er mir versprochen.
      Es ist Dienstag, der 30.7.
      Die Zahnschmerzen hören nicht auf, die Familie beschließt deshalb, ich soll mit Anna mittels Kleinbus (Dolmus wie in der Türkei) in die ca. 36 km entfernte Kreisstadt Otratna fahren, dort gäbe es eine Zahnklinik, die mir den schmerzhaften Backenzahn entfernen kann.
    • So machen wir es schließlich. Für 150 Rubel fahren Anna und ich mit dem Kleinbus nach Otratna wo wir nach gut einer Stunde Fahrzeit ankommen. Dort fragen wir uns durch zur besagten Zahnklinik und landen schließlich in einem renovierungsbedürftigem Altbau. Trotz meiner Schmerzen muss ich nun innerlich herzlich lachen. Im Vorraum hat jeder Patient hauchdünne Plastik-Überschuhe anzuziehen, die Dinger sind kostenlos. Lachen deshalb, weil der Fußboden wegen der starken Regenfälle vor Schmutz nur so strotzt und die Leute den ganzen Dreck unter ihren Plastik-Überschuhen im ganzen Gebäude verteilen. Aber es ist ja wegen der Hygiene !!
      Nachdem Anna der jungen Dame in einem Glaskasten erklärt worum es geht, verweist diese darauf, das es sich zwar um eine Zahnklinik handele, hier aber keine Zähne gezogen werden, das mache eine andere Klinik. Also Überschuhe wieder aus, einen wartenden Patienten nach der nächsten Zahnklinik gefragt und nach ca. 10 Minuten Fußmarsch waren wir in der nächsten Klinik. Dort das gleiche Spiel mit den Plastik-Überziehern, nur mit dem Unterschied, hier muss man sie kaufen. Dann kann man, indem man einige Häuser weiter geht, dort die Plaste-Dinger kauft und damit zurück kommt. Ich fasse mich an den Schädel.
      Nach einer kurzen Besprechung mit der dortigen Dame im Glaskasten soll ich auf einem langen, schmutzigen Flur vor der Tür des Zahnarztes warten. Anna ist inzwischen wieder auf und davon, muss Geld wechseln, da man einen 1000 Rubel-Schein nicht wechseln kann. Die Behandlung soll 500 Rubel (ca. 10 €) kosten.
      Die Tür geht auf, der Zahnarzt kommt gekleidet wie bei uns ein Bäckermeister heraus und bedeutet mir, auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Ich deute auf den schmerzhaften Zahn, ohne Kommentar zieht der Doc eine riesige Spritze auf, rammt sie mir in den oberen Kiefer, danach soll ich wieder Platz nehmen vor der Tür. Anna ist immer noch nicht zurück, nach 2 Minuten geht die Tür wieder auf und der Doc bequatscht mich pausenlos, macht dabei ein strenges Gesicht. Ich zucke mit den Schultern, Deutschland, nix verstehn. Gott sei Dank kommt Anna zurück, erklärt mir, der Arzt wollte wissen, ob ich genug Geld dabei hätte um das Zahnziehen zu bezahlen. Ich krieg mich nicht mehr ein, verbeiße mir ein Grinsen. Ich nehme wieder auf dem Stuhl Platz, der Arzt greift sich eine Art Kombizange und ruck-zuck, der Zahn ist draußen und verschwindet im Mülleimer. Er drückt einen winzigen Stoffetzen auf die blutende Wunde, doswedanja, das wars. Auf Annas Frage, ob er nicht noch ein Schmerzmittel verschreiben könne, heißt es lapidar, ihr Mann hat keine Schmerzen mehr.
      O.k., also ab vom Hof, noch hält die Betäubung ja an, mal sehen, was kommt.


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    • Fortsetzung
      In Otratna ist Markt- und Trödelmarkt, es gibt alles zu kaufen. Wir beschließen shoppen zu gehen. Erst einmal kaufe ich mir eine lange Hose und ein paar feste Schuhe, beides in Top-Qualität und zu annehmbaren Preis. Anna isst derweilen eine russische Spezialität, ich weiß nicht, wie die Dinger heißen, jedenfalls so eine Art zusammengerolltes Fladenbrot mit irgendeiner Kohl- bzw. Hackfleischfüllung. Ich mag diese Dinger nicht, also trinke ich eine Cola und wir schlendern weiter in die Markthalle. Dort werden wir fast erschlagen, es gibt ein unglaubliches Angebot von frischem Gemüse, Obst, Fleisch, Wurst, Käse und Fisch.
      Wir kaufen gut 2 ½ kg bestes Rindfleisch, dazu Champignons und einige Zutaten mehr, denn ich habe vor, für die Familie Rinderschmorbraten zu servieren. Zu Beginn des Dinners soll es eine frische Gemüsesuppe mit Knoblauch geben, dazu Brot, zum Dessert haben wir uns für eine Eis/Quarkspeise entschieden.
      Schwer bepackt treten wir mittels Kleinbus die Heimreise an. Inzwischen hat die Wirkung der Betäubung nachgelassen und der gesamte Ober- sowie Unterkiefer schmerzt hetzt höllisch. Ich beiße die noch vorhandenen Zähne zusammen.
      Zu Hause ist Besuch angekommen, eine entfernte Verwandte von Vater, die mit Enkelkind unangemeldet bereits seit unserer Abwesenheit sich beköstigen lässt.
      Spät abends haut der Besuch endlich ab, Mutter und Vater sind erleichtert. Es folgt die schlimmste Nacht für mich, alle halbe Stunde stehe ich auf, im Liegen sind die Zahnschmerzen gar nicht zu ertragen. So rauche ich 2 – 3 Zigaretten, lege mich wieder hin, suche das Plumpsklo auf und warte auf den Tagesbeginn. Gegen halb fünf, fünf Uhr morgens krähen die Hähne im ganzen Dorf, die Dorfköter bellen ununterbrochen und so langsam geht die Sonne auf.
      Ich bereite Frühstück für die ganze Familie vor, gegen 09.00 Uhr sitzen wir alle gemeinsam unter dem Traubenhimmel und frühstücken. Anschließend mache ich mich daran, mein Mittagessen zu kochen.
      Dazu will ich niemanden bei mir haben, also habe ich gut 2 ½ Stunden zu tun. Gegen 10.30 Uhr, ich traue meinen Augen nicht, kommt bereits wieder die Tante von gestern mit Enkelkind und nimmt ihren Platz im Innenhof ein. Doch nicht genug, nach einer weiteren Stunde kommt ihre Tochter, also die Mutter des kleines Kindes zusammen mit ihrem Bruder auch noch dazu. Wie selbstverständlich lassen sich die 4 Personen wiederum bewirten und mir wird schon klar, das sie auch am Mittagessen werden teilhaben. Da ich im Grunde kein Familienmensch bin, geht mir dieser Besuch tierisch auf den Wecker. So etwas kenne ich überhaupt nicht. Aber ich bringe mein Mittagessen zeitig und komplett auf den Tisch, nur mitessen will ich nicht, habe die Schnauze voll………
      Ich knalle die Tür zum Schlafraum zu und lege mich mit meinen Schmerzen erst mal hin. Anna versucht mich zu beruhigen, aber mir ist nicht nur der Appetit gründlich vergangen. Da reißt man sich 3 ½ Stunden in der Küche den Arsch auf und muss dann auch noch für 4 Personen, die unangemeldet einfach zum Essen blieben, mitkochen. Danke, mir reicht es für heute.
      Es ist Freitag, der 2.8., will heißen, Abreisetag für uns. Valentina wird uns und Irina mit Töchterchen Ulijana abholen und für den Rest unseres Urlaubs sollen wir dann alle 6 zusammen im Haus der Schwiegermutter wohnen.
    • Der Abschied naht, Valentina ist pünktlich, das Gepäck bereits verstaut.
      Mutter und Vater rinnen dicke Tränen aus den Augen und ich hab ebenfalls einen dicken Kloß im Hals. Ich denke daran, Dschu-Dschuk nie mehr wiederzusehen, ich denke daran, vielleicht die Eltern ein letztes mal in meinem Leben getroffen zu haben, ein letztes mal in Peredovaja gewesen zu sein.
      Angesichts unserer schmalen finanziellen Lage und der Arbeitslosigkeit wird ein derart teurer Urlaub in den nächsten Jahren nicht möglich sein, wenn nicht gar unmöglich. So nehmen wir uns dann stumm in die Arme, Mama schenkt mir zum Abschied noch das Porzellanschälchen, das ich immer als Aschenbecher benutzt habe und los Valentina, gib Gas, ehe noch mehr Tränen fließen.

      Spät nachmittags kommen wir im Haus von Sergejs Mutter in einem Vorort von Stavropol, nahe des Flugplatzes an.

      Darüber mehr dann in Kapitel III Stavropol / Ferienhaus
    • Teil III Stavropol / Ferienhaus

      Nach gut 2 Stunden Fahrzeit treffen wir ein in unserem Feriendomizil für den letzten Teil des Urlaubs.
      Welch ein Unterschied zum Dorf Peredovaja. Uns erwartet ein komfortables Zweifamlienhaus mit allem Komfort. Vom Auto aus öffnet Valentina das elektrische Tor und wir fahren dicht vor die Garage. Anschließend werden wir von Sergej begrüßt, der uns das Haus und den Garten zeigt.
      In der I. Etage befinden sich mehrere Wohnräume, Schlafzimmer, Küche, Bad, so eine Art Wintergarten, Toilette extra. Im I. Stock sind 2 Schlafzimmer, mehrere ungenutzte Räume und ebenfalls ein großes Badezimmer vorhanden. Nachdem Anna und ich unser Schlafzimmer bezogen haben, Irina wird mit der Kleinen im I. Stock untergebracht, zeigen uns Schwager und Schwägerin den Garten. Wir sind überwältigt, ca. 200 Pflanzen aller Arten und Größe sind rund ums Haus in Blumentöpfen gepflanzt, dazu gibt es Pflaumenbäume, Apfelbäume, Tomatenpflanzen in einem Treibhaus, Rosenstauden und zwei kleine Teiche, in denen sich 3 Goldfische tummeln. Das Ganze ist sogar mit einem Bewässerungssystem ausgestattet. Wir staunen nicht schlecht. Im Nebengebäude ist die Garage der Hausherrin, Sergejs Mutter, untergebracht, daran schließt sich eine Sauna mit kompletten Tauc hbecken an, daneben gibt es einen Wintergarten, eine Sommerküche und im Innenhof hat Sergej einen kleinen Swimming-Pool aufgebaut, in dem locker 4 Erwachsene planschen können.
      Und das Ganze wird bewohnt von einer Frau – Sergejs Mutter, die derweil 3 Wochen zur Kur ist. Diese Dame habe ich leider nicht kennengelernt, aber sie soll, so nach unserem Sprichwort „Haare auf den Zähnen haben“ und ihre beiden Söhne fest im Griff. Bei soviel Komfort hätte eigentlich Urlaubsfreude aufkommen können, aber es kam anders.
      Bereits eine Stunde nach unserem Eintreffen fühle ich mich schon isoliert. Sergej und Valentina pusseln und werkeln im Garten, Irina ist ständig mit der Kleinen beschäftigt und Anna kümmert sich drinnen ums Essen. Spät nachmittags will Valentina uns dann noch nach Stavropol fahren, weil ich dringend ein kleines Radio kaufen will. Ein Radio gibt es im ganzen Haus nicht, dafür in jedem Raum einen Fernseher, aber die russischen Radio- und Fernsehprogramme scheinen mir zu 70 % aus Werbung zu bestehen, also besten Dank, und verstehen tue ich eh nix.
      Also fahren wir ca. 20 Minuten in die City von Stavropol und in einem Media-Markt-ähnlichem Geschäft finde ich ein kleinen Radio für 600 Rubel (ca. € 12,--). Mehr wollte ich ja gar nicht, UKW-Empfang und gut ist.
      Zurück gekommen, erwartet uns Besuch, eine Freundin von Anna, die uns auch schon für 14 Tage hier in D. besucht hat, ist meiner riesen Torte da. Alle freuen sich, alle unterhalten sich, nur ich sitze abseits wegen meines Rauchens und auf Rücksicht für die schwangere Irina und die Kleine.
      Natürlich kann ich dem Gespräch wieder nicht folgen und als die Freundin nach 2 Stunden wieder abreist, kann ich nur doswedanja loswerden, das wars dann.
      Es ist Samstag, der 3.8., wie immer bin ich sehr früh um 05.30 Uhr aufgestanden. Die Familie schläft noch tief und fest, vor 08.30 Uhr steht hier niemand außer mir auf. Auch hier gibt es einen Hund, einen kleinen Zwergschnauzer, der auf den Namen „Garlick“ hört. Dieser Hund hat seinen festen Regeln: nachts schläft er in der Art Wintergarten angeleint mit einer 1 mtr. Langen Stoffleine an der Heizung. Drei mal am Tag muss er raus: morgens um 07.00, Nachmittags um 15.00 und Abends um 21.00 Uhr. Ich habe mich angeboten, die 07.00 Tour zu übernehmen, damit Valentina noch schlafen kann. Aber alles was an Ausgang möglich ist, die Straße links oder rechts ca. 50 mtr. Laufen, der Hund macht brav sein Geschäft und stürmt wieder Richtung Haus- Das ist er so gewohnt. Jedes Haus verfügt hier über einen Hund, angekettet, kommen nie raus, aber kläffen wie verrückt, als ich mit Garlick an den Häusern vorbeispaziere.
    • Na ja, der Kleine ist nicht Dschu-Dschuk und an lange Spaziergänge in freier Natur oder sogar freilaufen ist er absolut nicht gewohnt. Aber auch mit ihm habe ich Freundschaft geschlossen.
      Ich bereite das Frühstück für die Familie vor und setze mich wieder draußen in den Innenhof. Neben mir mein kleines Radio. So sitze ich stumm und rauchend fast zwei Stunden, ehe sich im Haus etwas rührt. Nach dem Frühstück wieder das gleiche Bild:
      Sergej und Valentine arbeiten im Garten, stöhnen schon über die viele Arbeit, Anna macht den Abwasch, Irina ist mit der Kleinen beschäftigt. Für mich bleibt wiederum nur stundenlanges Herumsitzen, Radio hören und rauchen.
      Geplant war der Aufenthalt ganz, ganz anders: Anna erzählte mir vor dem Urlaub, wir würden viele Ausflüge machen, Parks und Natur pur besuchen, die Gastgeber wollten sich revanchieren für ihren Aufenthalt bei uns, wo sie sich absolut wohl gefühlt hatten. Aber damals waren wir zu viert, ich hatte ein bequemes Auto, wir haben alle Sehenswürdigkeiten des Ostseebereichs besucht, jeden Tag super gekocht und mich ausschließlich um den Besuch gekümmert.
      Für den Nachmittag ist wenigstens ein Ausflug in den Stavropoler Park geplant. Und schon hatten wir wieder ein Problem. In den Honda SUV gehen eben nur 5 Personen einschließlich des Kindersitzes für Ulijana hinein, entweder Sergej oder Valentina muss zu Hause bleiben. Das wurde eben auch nicht bedacht, Ausflüge mit einem 1 ½ jährigem Kleinkind und einer Schwangeren sind eben nicht mal so locker durchzuführen. Die Kleine braucht ihr Essen, Windeln müssen gewechselt werden, die Karre muss mit, wem erzähle ich das, wer Kinder hat oder hatte, dem sind diese Gepflogenheiten mehr als geläufig.
      Der Parkbesuch war wirklich ein Highlight, es gibt dort wie auf der Kirmes bei uns jede Menge Fahrgeschäfte für die Kids, für Erwachsene, ein Schwimmbad und alles wirkt gepflegt und sauber. Anschließend sind wir noch in ein Restaurant zum Essen, aber obwohl der Laden sehr nobel wirkte, die Bedienung gut war und die Speisekarte reichlich, war mein Essen eigentlich ungenießbar. Das Fleisch zäh wie Schuhsohlenleder, ohne Sauce das Ganze und zwei mickrige halbverbrannte Kartoffeln in Schale. Bis heute wüsste ich gerne, was Anna da für mich bestellt hat (!).
      Sonntag, 4.8. Ein unwichtiger Tag, für mich totlangweilig. Von morgens bis nachmittags nutzlos herumgesessen. So langsam bekomme ich den Eindruck, ich sitze hier wie im Edelknast, wie in einem goldenen Käfig. Spät nachmittags bin ich Depressionen nahe und denke schon daran, mir aus dem nächsten Kiosk einen Buddel Wodka zu kaufen und mir mal richtig einen auf die Lampe kippen. Aber nachdem ich nun 8 ½ Monate schon ohne Alk geschafft habe, verwerfe ich diesen Gedanken wieder, Alk ist auch keine Lösung. Nach den verflogenen Kopfschmerzen bleibt das alte Problem bestehen.
      Gegen Abend kommt wieder Besuch, Sergejs Brude Alec mit Ehefrau. Es soll Schaschlik geben und die beiden schwergewichtigen Brüder machen sich alsbald daran, riesige Spieße zu grillen. Ich habe wegen meiner Zahnschmerzen keinen rechten Appetit und esse nur eine Kleinigkeit.
      Montag, 5.8. Heute muss Irina zum Arzt nach Stavropol wegen einer Kontrolluntersuchung und Blutabnahme, Valentina fährt also zusammen mit uns wieder in die Stadt. Inzwischen ändert sich auch hier wie in Peredovaja bereits die Wetterlage, dunkle Wolken am Himmel kündigen von einem mächtigen Gewitter, es wird kalt. Anna und ich flüchten in mehrere Geschäftshäuser, in dem eine Edelboutique neben der anderen teure und teuerste Markenklamotten an die Frau/Mann bringen will. Doch die meisten Läden sind leer, die aufgedonnerten Verkäuferinnen stehen mit leeren und ausdruckslosen Gesichtern herum, wirken interessenlos.
      Schließlich finden wir in einem Sportgeschäft eine warme und bezahlbare lange Hose für Anna.
      Es ist Dienstag, der 6.8. und ich sitze bereits seit morgens um 05.00 Uhr wieder nutzlos herum, mein kleines Radio plärrt vor sich hin, der Aschenbecher ist voll und ich suche ein ernsthaftes Gespräch mit meiner Frau. Ich erkläre ihr, das ich keinen Bock mehr darauf habe, täglich hier stundenlang nutzlos herumzusitzen, niemand kann sich mit mir unterhalten, ich habe nichts zu tun, ich kann nicht raus, in 50 mtr. Entfernung verläuft die Schnellstraße, Wege zum Spazieren gehen gibt es hier nicht. Ich bekomme langsam aber sicher Frust. Ich frage Anna, ob wir nicht nach Peredovaja zurück können, dort habe ich zwar auch nur herumgesessen, aber dafür konnte ich drei mal täglich mit dem Hund ins Dorf, ins Umland, lange Spaziergänge machen, ich war dort nicht wie hier eingesperrt.
      Anna bespricht das Problem mit der Familie und Sergej und Valentina bieten uns an, ihre freie Stadtwohnung zu nützen. Dort könnten wir machen, was wir wollen, mal in einen Park, mal in ein Café, mal Essen gehen, shoppen, rundheraus etwas unternehmen. Ich willige ein und Valentina bringt uns in ihre Wohnung.
      Die nächsten zwei Tage verbringen wir also in direkt in Stavropol, wir genießen unsere Unabhängigkeit, laufen viel obwohl es wieder sehr warm geworden ist. Wir kaufen für unsere Gastgeber sehr schöne Teebecher (Keramik aus der Tschechei), für Anna ein paar bequeme Schuhe.
      Als Höhepunkt dann am Donnerstag, 8.8. der Besuch in Stavropols berühmtester Konditorei. Hier gibt es phantastische Torten, Gebäck, mehrere Sorten frisches Brot und handgefertigte Pralinen. Wir kaufen 2 prächtige Torten und eine Schachtel Pralinen für Valentina als Dankeschön, das sie uns ihre Wohnung überlassen hat. Anschließend kaufen wir noch in der Markthalle ca. 3 kg frisches Kalbfleisch, wiederum Champignons und etliche Kräuter. Valentina hatte sich von Mama ein Loblied über den Rinderschmorbraten angehört und wollte unbedingt auch einmal die für sie ungewohnte Köstlichkeit probieren. Schwer, schwer bepackt treten wir den ca. halbstündigen Rückweg zu Valentinas Wohnung an und werden dann von dieser ca. 16.00 Uhr abgeholt, Rückmarsch zum Feriendomizil.
      Dort angekommen, erwartet uns bereits wieder Besuch, auf den ich mich lange, lange Zeit gefreut habe. Eine Freundin von Anna aus frühen Stavropoler Studienzeiten, Natascha, ist mir ihrem Mann gekommen. Natascha ist Englischlehrerin an der Stavropoler Uni, in der auch Sergej (hat sogar einen Doktortitel phil.) und Valentina (Physiklehrerin) unterrichten. Wenigstens die nächsten zwei Stunden sind für mich gerettet, denn erstmalig kann ich mich mit Natascha über all das austauschen, was ich denke, bisher erlebt habe und all ihre Fragen nach Neuigkeiten beantworten. Das war wie Labsal für mich, endlich mal eine, die englisch spricht.
      Freitag, 9.8. Heute koche ich für die ganze Familie Kalbfleisch mit Pilzen, das hält mich einige Stunden in Schwung, dazu gibt es selbst gemachten Kartoffelsalat und Bohnensalat aus den mitgebrachten von Mamas Garten in Peredovaja
      Alle sind begeistert vom Essen, meine Frau drückt mich und flüstert mir ins Ohr „Ich bin stolz auf Dich“, na also, bin ich wenigstens fürs Kochen gut.
      Über den Samstag, 10.8. brauche ich nicht viel Worte zu verlieren, er verläuft langweilig für mich wie gehabt, nur mit dem Unterschied, das jetzt Irina und die Kleine mit einer Sommergrippe kämpfen. Die Lütte quakt und jault, hat Fieber und ihr läuft die Nase, Irina hustet, fühlt sich nicht wohl.
      Anna und Valentina gehen zur Apotheke und besorgen Medikamente und wir alle hoffen, das es nicht schlimmer wird, denn nächsten Tag soll bereits der Rückflug von Stavropol nach Moskau gehen.

      So, dann fehlt nur noch
      Teil IV (die Rückreise).
    • Teil IV die Rückreise und Schlußbetrachtung
      Sonntag, 11.8. Rückreisetag
      Während Irina und die Kleine noch mit ihrer Grippe kämpfen, laufen die Vorbeitungen für den Rückflug von Stavropol nach Moskau Domodedovo. Das passte uns zwar nicht, war aber buchungstechnisch und wegen der Flugpreise nicht anders zu lösen.
      So vergeht der Vormittag mit Gepäck packen, Mittagessen vorbereiten und gegen 14.30 Uhr brechen wir auf, dieses mal alle 6 im Honda, Anna nimmt die Kleine auf den Schoß.
      Sergej hat mich zwischenzeitlich rechtzeitig wieder abgemeldet und mir sicherheitshalber eine Kopie davon gegeben, so dürften dann auch keine Probleme auftreten. Eine Stunde vor dem Abflug sind wir am Stavropoler Flughafen, Einchecken und anschließend muss Annas Koffer geöffnet werden, da wir für Tatjana als Geschenk 5 verschiedene Teesorten in Gläsern als Geschenk dabei haben. Das muss untersucht werden. Aber ansonsten ohne Probs.
      Wir verabschieden uns von Valentina und Sergej, bedanken uns noch einmal für alles und dann heißt es auch schon einsteigen. Der Rückflug verläuft für die Kleine Ulijana problematisch, immer wieder bekommt sie Weinkrämpfe, hat die Windeln voll und schreit wie am Spieß. Schließlich legt Irina sie an die Mutterbrust, die Kleine nuckelt zufrieden und schläft ein. Puuh, das ist anstrengend und nervig.
      In Moskau Domodedovo holt uns Irinas Mann, also unser Schwager, ab. Ich kannte ihn bisher nur von Bildern und der Typ ist mir derart unsymphatisch. Ein kleiner 1,70 m Mann, der nichts für seine Familie tut, zwei Kinder in die Welt setzt und sein Leben lebt. Irina ist stinksauer, ihr Mann hat seit Wochen (9 Wochen haben die beiden sich nicht gesehen, weil Irina erst zu Besuch bei uns war und anschließend in Peredovaja und Stavropol war), er hingegen in Thailand und auf der Datscha seines Freundes war, die Wohnung nicht gesäubert, weder eingekauft, noch sonst etwas.
      Zur Begrüßung drücke ich ihm nur stumm und kurz die Hand, für Anna hat er Blumen mitgebracht, seine Frau und seine Kinder nimmt er nicht mal in den Arm. Mir ist die Situation schon peinlich, ich entreiße Anna die Blumen und drücke sie demonstrativ unserer Tochter in die Hand, wozu brauchen wir im Hotel Blumen ??
      Anschließend das große Telefonieren, Anna hat in der Nähe vom Flughafen Vnukovo ein Hotel für uns reserviert, da der Rückflug von Moskau nach Hamburg erst am Montag nachmittag erfolgt. Bereits in Stavropol hat sie ein Taxiunternehmen gefunden, das uns für rund 1.200 Rubel zum Hotel bringen will. Nun gilt es per Handy in all dem Gewusel auf dem Flughafen das richtige Taxi ausfindig zu machen und nach gut einer ¼ Stunde ist es dann auch soweit, wir finden das richtige Taxi und haben nicht noch einmal die Zeit, zurück zu gehen und uns von Tochter und Enkelkind richtig zu verabschieden.
      Die Taxifahrt ist hingegen abenteuerlich. Der Fahrer telefoniert während der Fahrt ununterbrochen per Handy, programmiert sein Navi und wie es aussieht, kennt er zwar die Strecke zum Vnukover Flughafen, aber das Hotel nicht.
      So fahren wir gut eine Stunde quer durch Moskau, quetschen uns durch den dichten Verkehr und staunen immer wieder über die Brutalität der russischen Autofahrer. In der Nähe von Vnukovo fragt der Fahrer dann einige Passanten nach dem Hotel, doch niemand scheint es zu kennen. Schließlich fährt er zu einem großen Hotel und meint, dies sei es. Gepäck raus, ich sage zu Anna, gehe erst mal rein und frage ob es das richtige Hotel ist, ehe wir alles reinschleppen. Gesagt, getan, natürlich ist es das falsche Hotel, hat nur den gleichen Namen wie unser gebuchtes. Also Gepäck wieder einladen, neue Telefonate und nach ca. 7 km landen wir dann tatsächlich vor unserem gebuchten Hotel Vnukovo gleichen Namens.
      Inzwischen zieht ein fürchterliches Gewitter auf, an diesem Tage ist es in Moskau rund 35 Grad heiß. Über unserem Hotel befindet sich die Einflugschneise für den Airport, rund 100 mtr. Entfernt verläuft eine Hauptader der russchischen Eisenbahn, alle 2 Minuten gehen Schranken runter und es rattert ein Zug vorbei. Na, das kann ja eine heitere Nacht werden. Anna geht zur Rezeption, ja, die Buchung ist bestätigt, wir können für 4.300 Rubel die Nacht das Zimmer beziehen. Das Zimmer ist winzig, aber sauber, allerdings keine Klimaanlage und brütend heiß. Dazu der Lärm der Düsenjets, der Eisenbahn und des mächtigen Gewitters, es gießt jetzt in Strömen.
    • Na ja, Schatz, für eine Nacht …………………………meine Frau ist verzweifelt und enttäuscht darüber, das sie mir in diesem Urlaub nicht das hatte bieten können, was ich mir erhofft hatte. Aber ich nehme sie in den Arm, tröste sie und sage, es ist ja jetzt alles gelaufen und ändern können wir eh nichts mehr.
      Irgendwie geht auch diese Nacht vorüber, ich habe kaum geschlafen und gehe morgens um 06.00 Uhr draußen vor die Tür, um eine zu rauchen. Dort treffe ich auf den Security-Mann namens Sergej, der ein paar Brocken Englisch spricht. Er sagt, ca. 07.15 Uhr gäbe es Kaffee und Frühstück.
      Dieses Frühstück in Büffet-Form sieht gut aus, ist gut bestückt und ich frühstücke allein und ausgiebig, da Anna noch schläft. Gegen 0.9.30 Uhr gegen wir zusammen noch einmal, aber ich trinke nur noch einen Kaffee. Das Hotel bietet einen Airport-Service an, das heißt, man wird kostenlos zum Flughafen transportiert. Diesen Service nehmen wir um 12.00 Uhr in Anspruch, am Airport haben wir dann noch ca. 4 Stunden Zeit bis zum Abflug. Wir lassen es uns noch ein letztes mal in dem uns schon bekannten Restaurant schmecken, gehen ein wenig choppen und dann beginnt auch schon der 3-stündige Ruckflug nach Hamburg.
      In Hamburg angekommen, machen wir erst mal lange Gesichter, die gute Tatjana ist weit und breit nicht zu sehen. Nach mehreren Telefonanrufen bekommt Anna sie dann endlich ans Handy, sie hätte Probleme mit dem Neuwagen von Anna gehabt und sei noch unterwegs. Eine gute Stunde warten wir vor dem Parkhaus in Fuhlsbüttel, dann endlich kommt Tatjana. Sie hat Annas Auto nicht starten können, ihr Mann hat daraufhin versucht, mit Starthilfekabel den Wagen zu starten. Was das soll, das Auto ist doch neu, hat 1.800 km auf dem Buckel, da kann doch die Batterie nicht leer sein. Na irgendwie hat sie dann doch starten können, fuhr über Segeberg, geriet in einen Stau und deshalb und na ja, nun bist Du ja da, Jürgen fährt ja zurück.
      Auf dem Rückweg in Malente noch kurz Stop gemacht um im Supermarkt noch ein paar Lebensmittel einzukaufen und gegen 21.30 Uhr sind wir endlich zu Hause in Nüchel. Überschwenliche Begrüßung mit Emmely, die mir von nun an keine cm mehr vom Leibe weicht.
      Das war unser Urlaub in Russland.

      Fazit:
      Wie schon erwähnt, war es für mich wohl der letzte Urlaub, aus finanziellen Gründen, aber auch wegen der bestehenden Sprachschwierigkeiten und der damit verbundenen Isolation.
      Und noch eine Erkenntnis habe ich gewonnen: meine Pläne, als Rentner eventuell nach Russland über zu siedeln in das Haus von Annas Eltern in Peredovaja, die habe ich komplett begraben. Ich habe erkannt, das man ohne russische Sprachkenntnisse total auf verlorenem Posten steht. Zudem fehlt mir das Kapital, ich schätze mal round about € 25.ooo,-- - € 30.000,-- um das Haus und das Grundstück dort in einen Zustand zu versetzen, der annähernd unseren deutschen Vorstellungen entspricht. Die medizinische Versorgung, sprich fehlende Krankenversicherung, ist ebenfalls mit ein Grund dafür und nicht zuletzt der worst case, den ich mir nicht vorzustellen vermag, aber der dennoch eintreten kann, wenn nämlich meine geliebte Frau vor mir das Zeitliche segnen sollte (habe ich ja schon einmal erlebt) und ich dann hilflos den russischen Machenschaften ausgeliefert bin. Russisch zu lernen liegt mir fern, denn ich denke, diese Sprache würde ich nie lernen, da sie mir nicht liegt. Aber das wäre dringendste Voraussetzung.

      Jürgen