01.11.2015: Russisch-ukrainisches Friedenskonzert

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    • 01.11.2015: Russisch-ukrainisches Friedenskonzert

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      01.11.2015, HafenCity Universität, Versmann Straße, 20457 Hamburg


      mit der Uraufführung von:


      MODEST MUSSORGSKY / BORIS KOSAK
      „BILDER EINER AUSSTELLUNG. EIN REPOST"


      für Violine, Violoncello, Klavier und Streichorchester
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      Besetzung:
      Klavier – Alina Kabanova (Hamburg)
      Violine – Alexander Brussilovsky (Paris)
      Violoncello – Fjodor Elesin (Hamburg)


      Zwei Streichorchester – Lemberger Solisten (Lviv) und Taurida Orchester (Petersburg)


      Dirigent – Mikhail Golikov
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      Das Konzert findet in der Hamburger HafenCity Universität am 1. November 2015 um 18:00 Uhr statt. Das Projekt wird von der Stadt Hamburg und der Kulturbehörde unterstützt. Die Kultursenatorin übernimmt die Schirmherrschaft für das Friedenskonzert.


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      Russische und ukrainische Musiker führen gemeinsam eine Neubearbeitung des bedeutendsten Werkes des russischen Komponisten Modest Mussorgsky auf.


      Unter der Schirmherrschaft der Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler findet am Sonntag, den 01.11.2015 um 18:00 Uhr in der HafenCity Universität Hamburg das Friedenskonzert „Bilder einer Ausstellung. Ein Repost.“ von Mussorgsky / Kosak statt.


      „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgsky ist nicht nur eine der bekanntesten und meist gespielten Kompositionen der Weltgeschichte. Es ist auch eine wichtige Projektionsfläche für die kulturelle Identität sowohl für russische als auch für ukrainische Bürger.


      Angesichts der jüngsten politischen Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen im Südosten der Ukraine soll das Konzert mithilfe der verbindenden Kraft der Musik ein Zeichen für die behutsame Pflege der gemeinsamen kulturellen Wurzeln setzen.


      Hierbei erfährt das Werk Mussorgskys eine Verwandlung. Ein neuer Zugang zum Alten lässt Einendes zwischen Vergangenheit und Gegenwart in den Vordergrund treten.


      Die Originalkomposition bleibt in ihrer Klavierfassung vollständig erhalten und wird wie ein Juwel in eine neue musikalische Fassung aufgenommen. Dafür hat der in der Ukraine aufgewachsene Komponist Boris Kosak zunächst zwei völlig neue Solostimmen für Violine und Violoncello komponiert, die parallel zum Originalpart des Klaviers erklingen werden. Zusätzlich wurde ein Orchesterpart komponiert, um den Kammermusikcharakter zu durchbrechen und der musikalischen Aussage Kraft zu verleihen.


      Ein wichtiger Teil der Neufassung wird ein vollständig neu komponierter, etwa 15-minütiger Satz sein, der auf dem als Zwischenspiel stetig wiederkehrenden „Promenade“-Thema basieren soll, mit dem auch schon die Originalkomposition beginnt.


      Die von Mussorgsky ins Leben gerufenen musikalischen Bilder werden durch die überlagerten, zusätzlich komponierten Solostimmen und den Orchesterpart eine neue, frische Wirkung entfalten.


      Die Komposition wird sowohl von Musikern russischer als auch ukrainischer Abstammung aufgeführt. Zusammen möchten sie zeigen, wie die musikalische Harmoniesuche sich auf das echte Leben übertragen lässt. Gemeinsames Musizieren als Symbol für den Frieden. Ein Konzertereignis, das den Namen Friedenskonzert verdient.
    • Ich hatte ja dieses Konzert angekündigt, und es schien mir auch eine gute Initiative. Mittlerweile habe ich ein wenig Zweifel bekommen. Der Dirigent, Mikhail Golikov, gab vor einer Weile mal ein Interview in einer russischen Zeitung. Darin wird etwa erwähnt, dass er mit seinem Orchester nach der Annexion der Krym durch Russland in Sewastopol aufgetreten ist, wobei er vom "historischen Referendum" spricht, also hier ziemlich klar zu verstehen gibt, dass er mit dieser Annexion einverstanden ist. Überhaupt wird in dem Interview, wo es eigentlich um Musik gehen soll, immer wieder über die Ukraine gesprochen. Einige Aussagen kann man als seine persönliche Meinung werten, die mir vielleicht nicht gefallen mag, aber die ihm natürlich zusteht. Einige andere Aussagen haben aber doch einen in meinen Augen ziemlich chauvinistischen Unterton der Ukraine gegenüber.


      Die ukrainischen Musiker werden immer als "Lemberger Solisten" bezeichnet. Namen werden nie genannt, und dieses Ensamble gibt es in Lviv nicht, wurde also offenbar für dieses Projekt extra zusammengestellt. Neben dem Friedenskonzert geben sie noch zwei weitere Konzerte in Hamburg, eines im Tschaikowski-Saal der russisch-orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) in Hamburg, eines im"Mozart-Saal" unter der Bezeichnung "Ukrainische Kulturtage" - von denen aber hier in der Hamburger Diaspora keiner etwas weiß!

      In der Ankündigung des Friedenskonzerts ist die Rede von "gemeinsamen Wurzeln" des russischen und ukrainischen Volkes, vertreten durch den Komponisten Mussorskyj. Natürlich schätzen den Russen wie Ukrainer und auch Deutsche (so wie ich), aber er vertritt wirklcih nicht die ukrainische Kultur, eher die russische. Hier von "gemeinsamen Wurzeln" zu sprechen, scheint mir ziemlich gewagt.

      Auf mich wirkt diese Initiative etwas undurchsichtig. Dass mich die Teilnahme des Herrn Golikov und seines Orchesters hierbei irritiert, will ich nicht verschweigen. Mir ist ganz einfach mehr als nur ein bisschen unwohl, wenn eine Gruppe von Musikern aus der Ukraine und Russland ein Friedenskonzert organisiert, bei dem jemand mit solchen Ansichten mitwirkt. Für mich, aus ukrainischer Perspektive, wirkt es ganz einfach zynisch und beleidigend, wenn unter dem Motto des Friedens ein Ensamble auftritt, das durch seinen Auftritt in Sewastopol nach der Annexion und den hierzu gemachten Aussagen offen seine Unterstützung für Putins Politik in der Ukraine gezeigt hat. Speziell bei Golikow frage mich mich wirklich, was dessen Agenda ist, wenn er bei einem solchen Konzert mitwirkt.

      Ich gestehe jedem seine Meinung zu, ich finde aber auch, dass bei einer Veranstaltung, die sich ein solches Motto gibt, Leute, die solche Ansichten vertreten wie Golikow, im Grunde fehl am Platze sind, weil wir ganz einfach aktuell in einer Situation sind, wo es zu wenig ist, sich darauf zu einigen, halt zu ein paar Dingen unterschiedlicher Meinung zu sein. Es geht nicht mehr nur darum, ob wir Putin oder Poroschenko gut oder schlecht finden. Es geht um einen Krieg, den Russland in der Ukraine begonnen hat, es geht darum, dass ein starkes Land einem schwachen einfach mal so ein Stück Land weggenommen hat, wo nun die Urbevölkerung erneut diskriminiert wird, ihre politischen Führer nicht einmal mehr einreisen dürfen, ihre Schulen geschlossen wurden. Und bei all dem wird seit Monaten eine Welle von zynischer Verleumdung über das ganze ukrainische Volk ausgegossen - ein Volk von Faschisten, Helfershelfern der Nazis im 2. WK, sadistische Killer usw. Hier ist meiner Meinung nach ein deutliches und starkes Statement notwendig.

      Hier ist noch ein lesenswerter Artikel zu diesem Thema von einer in Hamburg lebenden Ukrainerin in ihrem Blog auf espreso.TV:

      Vira Weisberg schrieb:

      На західному фронті
      Українська громада міста Гамбурга була спантеличена новиною, яка згодом визвала і обурення, а саме: запрошеня на концерт, що проводятъ музиканти з Санкт-Петербургу, під назвою "Російсько-український концерт миру".
      [IMG:http://static.espreso.tv/uploads/article/217545/images/im578x383-21.jpg]
      Нещодавно українська громада міста Гамбурга була спантеличена новиною, яка згодом визвала і обурення, а саме: запрошеня на концерт, що проводятъ музиканти з Санкт-Петербургу, під назвою "Російсько-український концерт миру". Обурення викликав як сам факт такого концерту, тоді як, у Гамбурзі наразі лікуютъся поранені украінські військові, так і те , що деригент та організатор М.Голіков публічно не тільки підтримав анексію Криму Росією, але й розповсюджував брехню, про начеб-то заборону в Українi виконувати твори росiйських авторів, та зневажливо висловлюваввся про українську культуру, як такуavangard.rosbalt.ru/texts/2015/04_April/golikovMihail.html
      [...]
    • Noch ein Nachtrag. Ich hatte heute Abend Gelegenheit, mit einem der Organisatoren und dem Komponisten, dessen Werk bei dem Konzert aufgeführt werden soll, bei einem Treffen über die Dinge, die ich als irritierend empfand, zu sprechen.

      Es ist kaum möglich, das ganze Gespräch, bei dem ja eine ganze Menge geredet wurde, auch nur ansatzweise zusammen zu fassen. Daher möchte ich gern einige Fragmente in meinen eigenen Worten wieder geben, so wie ich sie verstanden habe:

      Boris Kosak, der Komponist, hat, wie ich finde, sehr schön das musikalische Konzept erklärt. Uns hatte ja irritiert, warum der russische Komponist Mussogskij, mit dem viele Ukrainer stark die E-Musik der sowjetischen Zeit verbringen, hier als "gemeinsame Kultur" des russischen und ukrainischen Volkes genannt worden war. Zu den Formulierungen unten mehr, aber Boris Kosak erklärte uns, dass er das Werk "Bilder einer Ausstellung" tatsächlich nicht einfach nur interpretiert oder bearbeitet habe, sondern darum eine eigene Komposition geschaffen, so dass Fragmente des "Originals" und seine eigene Musik im Ergebnis einen Dialog bilden, z.T. auch eine neue Gesamtheit bilden. Ihm war wichtig zu erklären, dass sein Kompositionsstil stark von ukrainischer Tradition beeinflusst ist, so dass das Ergebnis dann tatsächlich eine Kombination aus russischer und ukrainischer Kultur ergeben. Das finde ich als Erklärung überzeugend.

      Ein weiterer Punkt waren einige Formulierungen, die wir bei der Ankündigung vorgefunden hatten. Diese Formulierungen sind tatsächlich von Deutschen gemacht worden. Unglücklich war, dass einige dieser Formulierungen eben genau von der Art waren, die die ukrainische Gemeinde immer wieder erregt - z.B. die sehr "neutralen" Formulierungen, wenn es darum geht, den russischen Krieg in der Ukraine zu benennen. Das hatte bei uns natürlich zu einem Deja Vu geführt, gerade, weil ja davon ausgegangen wurde, die russisch-ukrainischen Organisatoren hätten diese Formulierungen selber gewählt.

      Die Kontroverse um den Dirigenten konnten wir in den Gespräch nicht ganz ausräumen. Unsere Gesprächspartner legten Wert darauf, dass jeder das Recht habe, die Dinge auf seine jeweilige Art zu betrachten, gaben uns aber z.T. schon recht, dass derartiges für uns alle in dieser Situation nur schwer zu verdauen sei.

      Das Ensamble aus Lviv ist tatsächlich aktuell auf Deutschlandtournee. Es ist extra für diese Tournee gegründet worden. Neben dem "Friedenskonzert" spielen sie bei den anderen Auftritten ein primär ukrainisches Programm. Die Befürchtung, dass diese Leute für diese Initiative für politische Zwecke missbraucht wurden, konnte nach meinem persönlichen Eindruck einigermaßen ausgeräumt werden.

      Das sind für mich alles Punkte, wo ich froh bin, dass unsere Irritation und auch unser Verdacht sich nicht bestätigt haben.

      Es gab dann auch einige Punkte, wo ich nicht so glücklich über die Reaktion unserer Gesprächspartner war.

      Zum Einen kam von Boris Kosak mehrfach die Frage auf, wen wir denn (wir hatten dieses Treffen mit einer kleinen Gruppe von Freunden spontan organisiert) repräsentierten, und für wen wir denn sprächen. Es ist uns nicht gelungen, deutlich zu machen, dass wir in Hamburg eine sehr aktive ukrainische Gemeinde haben, die stark vernetzt ist, und dass die Sorgen, die wir mit in dieses Gespräch brachten, eben durchaus repräsentativ für das Gefühl vieler Leute in dieser großen Gruppe waren - es ging ja keineswegs darum, dass wir denen irgendetwas verbieten wollten, sondern darum, dass wir verstehen wollten, worum es ging. Eben das hatten die Organisatoren m.E. anfangs unterschätzt, so dass sie eben nicht die ukrainische Gemeinde hier an Bord geholt hatten - es wurde kräftig für Deutsche Werbung gemacht, aber dass das in der ukrainischen Gemeinde zu großen Sorgen und einiger Ablehnung geführt hatte, haben die offenbar völlig unterschätzt bzw. sich nicht vorstellen können.

      Ein anderer Punkt war die Frage, wozu eigentlich ein "Friedenskonzert" gut sei. Die Idee war schon im Frühjahr letzten Jahres entstanden. Musiker kennen einander ja meist gut, und so war diese Idee zu einer russisch-ukrainischen Initiative gekommen. Das scheint mir persönlich integer. Auf der anderen Seite haben wir hier natürlich Leute, die seit über einem Jahr regelmäßig Hilfsgüter in die Ukraine bringen, die sich engagieren, um den Kriegsopfern zu helfen, sowohl zivilen als auch verletzten Soldaten. Ein sehr häufig gehörter Einwand war, dass das doch alles etwas naiv sei - in der Ukraine sterben Menschen an der russischen Aggression, und hier halten - überspitzt gesagt - russische und ukrainische Musiker Händchen und erklären, dass sie sich Frieden wünschen. Ich denke, das hier beide Seiten nachvollziehbar sind. Was hier deutlich wird, ist, dass schon viel früher Kontakt hätte entstehen und ein Austauch stattfinden müssen - nicht, weil jemand für etwas eine Erlaubnis braucht, sondern, weil es doch irgendwie logisch ist, dass wenn ukrainische Musiker ein ukrainisch (-russisches) Konzert in einer Stadt veranstalten, dann auch irgendwie ein Kontakt mit anderen Ukrainern gesucht werden und ein Austauch stattfinden könnte.

      Fazit: ich bin froh, dass wir diese Aussprache hatten. Sie war nicht immer ganz harmonisch, vor allem fühlte sich der Komponist Boris Kosak offenbar etwas angegriffen, was ein wenig schade war, weil das wirklich nicht unsere Absicht war. Ich habe Hoffnung, dass wir den aufgenommenen Kontakt aufrecht erhalten und vielleicht in Zukunft noch schöne Initiativen erreichen können.