Die noch Junge Ukrainische Neue Literatur

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    • Die noch Junge Ukrainische Neue Literatur

      Tymofiy Havryliv erleidet Schiffbrüche

      Die ukrainische Literatur ist eine junge Literatur. Der Schriftsteller Tymofiy Havryliv gehört zu ihren hoffnungsvollsten Vertretern. In seinem Roman "Wo ist dein Haus, Odysseus?" geht Havryliv auf große Fahrt durch Europa und die europäische Literatur. Leider verliert er dabei ein bisschen die Orientierung.


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      Tymofiy Havriliv geht mit einem literarischen Kreuzfahrtschiff auf große Fahrt. Lässt es aber nirgends ordentlich anlegen.

      Die ukrainische Literatur ist noch jung, weil das ukrainische Idiom als Kultursprache über lange Zeit unterdrückt und provinzialisiert wurde.
      Erst nach der Unabhängigkeit durfte sie sich frei entfalten. Kein Wunder, dass der Aufbruch aus der Provinzialität von einer Identitätssuche, von einer nachholenden Auseinandersetzung mit der europäischen Avantgarde und von der Unsicherheit der Zuspätgekommenen begleitet ist.

      Der ukrainische Übersetzer und Schriftsteller Tymofiy Havryliv hat gerade eine europäische Wanderung abgeschlossen und deren Ergebnis, den Roman „Wo ist dein Haus, Odysseus?“, mit einem Fragezeichen versehen. Nach seinem „Haus“ will Havryliv zugleich im unendlichen Sprachkosmos und in einem in Bewegung gekommenen Europa suchen. Der Roman setzt sich aus zahlreichen losen Textfragmenten zusammen, die miteinander durch das Ich des Autors und dessen wechselnde Reise-Situationen lose verbunden sind. Einige Fragmente sind nur ein paar Seiten lang und bestehen aus einem einzigen Satz, in dem Adjektive aneinander gereiht werden, ohne dass zusätzlicher Sinn entsteht. In anderen Stücken werden Situationen beschrieben, in die Havryliv auf seinen Reisen gerät.

      Das Ich findet sich in verschiedenen, nicht genannten Städten Europas wieder und teilt seine Eindrücke und Erlebnisse mit in einer üppigen
      metaphorischen Sprache, die vom Übersetzer Harald Fleischmann kongenial wiedergegeben wird. Auf den ersten Seiten bereits zeigt sich das
      unerschöpfliches Vermögen Havrylivs, eine bunte Bilderwelt zu erzeugen. Jedes Bild für sich genommen mag schön und kunstvoll sein, doch anders als beim Impressionismus vermögen die verschwommenen Pinselstriche kein Ganzes zu erzeugen. Kreuzfahrt ohne Ankunft Das Lesen gleicht auf diese Weise einer Kreuzfahrt, bei der das Anlegen durch den Nebel verhindert wird. Die Passagiere sehen die Konturen eines Hafens, glauben, die Stadt erkannt zu haben und möchten aussteigen und das Terrain mit dem Autor erkunden. Stattdessen verschwindet die Skyline wieder wie eine Theater-Bühne hinter Stickstoffwolken, und das Schiff sticht ins seichte Meer, um auf der nächsten Station erneut abgewiesen zu werden. Als Passagier einer solchen Kreuzfahrt möchte man am Ende vom
      Veranstalter nach einer Entschädigung verlangen.

      Es ist unwahrscheinlich, dass der Verfasser Irritation und Enttäuschung, die dabei entstehen, absichtlich einkalkuliert. Vielmehr scheint der
      ermüdende Impressionismus ein Versuch, der Banalität und Systematik eines Reiseberichts auszuweichen. Denn ihm geht es ja gar nicht darum, eine Stadt, in die es ihn verschlagen hat, erkenntlich zu machen. Er nimmt den Ort zum Anstoß für eigenwillige Bilder und Impressionen, die er narzisstisch genießt. Als geriete er vor seinen eigenen Metaphern in Erregung.

      In der Tat gelingen Havryliv manchmal umwerfend schöne, kraftvolle Bilder. „Am Nachmittag ziehen Wolken auf: gekräuselt, einsam auf längst zugeschlagenen Lesebuchseiten weidend, treibt sie der himmlische Hirte in die Koppel; sie ballen sich, türmen sich auf, erlangen die
      erforderliche Homogenität und metallene Schwere, verwandeln sich zu einer einzigen grauen Masse, der Regen platzt los.“

      Stehen im Wasserfall der Adjektive

      Doch in der Regel nimmt der ungebändigte Wasserfall der Adjektive zwanghafte Züge an. Selten begegnet man in der zeitgenössischen
      Literatur derartiger Beliebigkeit, derartigem inflationären Gebrauch der Metapher – dieser Goldmünze der künstlerischen Sprache. Metapher, die keine verwandelte Entsprechung in Wirklichkeit, keinen Anklang im Bewusstsein des Lesers findet, ist ein Symptom für einen künstlerischen Overkill. Dies als „Experiment“ auszugeben, ist eine Posse.

      Bezeichnenderweise sind die besten Stücke in Havrylis Heimat verortet oder handeln von seinen Landsleuten. Einmal begegnet er in einer
      europäischen Stadt seinen Schulkameraden, die, als Indianer verkleidet, Touristen im Freizeitpark unterhalten und sich als Emus im Zoo
      verdingen. Ein andermal schlägt einem die Atmosphäre des demütigenden Wartens oder die alltägliche Antonymie osteuropäischer Provenienz entgegen: der Zug, den es im Fahrplan nicht gibt, der aber trotzdem fährt.

      Das erzwungene Lesen der Boulevard-Zeitungen mit ihren wahnhaften Überschriften steigert die Absurdität des Nichtgeschehens, die realer
      ist als impressionistisch vernebelte Bilder. Man ahnt dabei, dass der Roman eigentlich ein ordentlicher Reise-Essay hätte werden können, in
      dem die Situationskomik und das alltägliche Drama der Unbehausheit einen angemessenen Platz finden würden.

      Mit Milena nach Ithaka
      Der Name des Kurswagens „Lemberg-Lissabon“, in den der Autor endlich einsteigt, verrät viel mehr über europäische Völkerwanderungen als alle erfundene Sprachschnörkel. Aber der Verfasser hatte vermutlich Höheres im Sinn. Denn sein Haus, seine Ithaka, ist die europäische Literatur, und die Geliebte, deren Adresse er nicht kennt, heißt ausgerechnet Milena. An misslungenen Romanen mangelt es im Literaturbetrieb nicht. Diesmal ist das dem angesehen Amman-Verlag zugestoßen, der sich für die osteuropäische Literatur seit langem stark macht. Doch Havrylivs Buch ist ein symptomatischer Missgriff, und gerade deshalb interessant. Denn an ihm ist alles unpassend: die idyllische Karpaten-Landschaft auf dem Umschlag, die mit einem „ethnischen“ Kolorit lockt und dem „experimentellen“ Anspruch Havrylivs Hohn spricht; der eingebildete Titel selbst und die Bezeichnung als Roman, wofür dieses Sammelsurium herhalten muss.

      Allerdings wird man den Gedanken nicht los, dass dieses Buch auf eine bizarre Weise die Odyssee der Ukraine zum Ausdruck bringt, jenes
      Weder-noch-Landes, das unterwegs ins Nirgendwo ist und zu sich selbst nicht finden kann. Nur braucht die sich zwischen Ost und West verirrte Nation mehr Zeit als Odysseus, um Identität und Souveränität zu erlangen.

      Nicht anders scheint es um die junge ukrainische Literatur bestellt zu sein, die erst vor kurzem den Weg nach Europa, und das heißt zu sich selbst, angetreten ist. Die Reise kann dauern. Dass man unterwegs gelegentlich das Ziel aus dem Auge verliert, ist im Archetyp des Odysseus inbegriffen. „Wir werden zurückkommen und die EU-Grenze gen Osten wie einen Bogen dehnen, wie ein Präservativ spannen“. Hm, ukrainische Kondome waren nicht gerade für ihre Qualität berühmt.
    • Bernhard schrieb:

      Das Problem dürfte auch sein, welcher Ukrainer hat das Geld, und die Zeit, um ein gutes Buch zu lesen. An erster Stelle steht doch das überleben der Familie. Also wird es für Schriftsteller sehr schwer sein, einen Markt oder Verleger zu finden. Da die Verleger ja auch Gewinn machen wollen,
      Mfg Bernhard
      Na da muß ich Dir aber echt wiedersprechen Bernhard ! :nono: Bücher und die klassische Literatur hat nach wie vor in der UA einen sehr bedeutenden Stellenwert. Die einen meinen es sei eine Art Flucht vor der Eiskalten Realität die anderen ( wozu ich auch Tendiere ) sind der Meinung Bücher gehören zum Leben wie das tägliche Brot !