Russlanddeutsches Leben zwischen Gartenzwerg und „Aussiedlerbote“
Kaum ein Ort in Deutschland ist so russisch wie der Stadtteil Haidach in Pforzheim. Viele Menschen hier kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Seit Putin seine Truppen losgeschickt hat, müssen sie einen Weg finden, mit dem Krieg in der Ukraine umzugehen. Ein Ortsbesuch.
Er ist deutsch. Es steht auf seinem Pass, in seinem Pass. Geboren in Pforzheim. Seine Eltern sind deutsch, seine Großeltern, mehrere Jahrhunderte seiner Familie, alle biodeutsch, sagt er. Er spricht Deutsch mit badischem Dialekt, aus st wird schd, aus t wird d. Er hat Abitur gemacht, studiert, wurde Anwalt. Wäre da nicht, ja wäre da nicht sein Name. Seine Muttersprache. Die Namen seiner Eltern.
Für die anderen Deutschen wird er immer der Russe sein. Weil er Oleg heißt.
Für die Deutschen bleiben Russlanddeutsche oft die Russen
Von Oleg gibt es viele in Pforzheim. Pforzheim ist eine Stadt in Baden-Württemberg, die von Migration geprägt ist, nur rund 15 Prozent der Anwohnerinnen und Anwohner sind Nachfahren jener, die schon im zweiten Weltkrieg in der Stadt lebten, sagt Dekanin Christiane Quincke. Besonders hoch ist der Anteil von Russlanddeutschen. Es gibt hier - wie in anderen Städten - Stadtteile, in denen Menschen aus der einstigen Sowjetunion und ihre Nachfahren 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Klein-Moskau nannte man diese dann, oder Klein-Kasachstan.
Der Haidach beispielsweise, eine Siedlung im Südwesten der Stadt. Obwohl der Großteil der Menschen aus Kasachstan kam, wurde der Stadtteil von anderen Bürgerinnen und Bürgern Klein-Moskau genannt. Weiße, grüne, graue, lilafarbene Hochhäuser sind über das weitläufige, und doch familiäre Viertel verteilt. Es ist von großzügigen Grünflächen und kleinen Wegen durchzogen, an eine Stadt erinnern nur die Hochhäuser.
Vor einem Schild mit Ballspielverbot, toben Kinder auf einer Wiese – mit und ohne Ball. Es sind 20 Grad am Gründonnerstag, die Sonne scheint, vielerorts sind Familien draußen. Eltern mit Kindern, Großeltern mit Enkeln. Es ist auffällig, wie viele Kinder hier durch die Gassen laufen und radeln, mit Tretrollern und Inlinern unterwegs sind. Autos gibt es nur auf den größeren Straßen, die Siedlung ist wie eine große Spielzone. Die Kinder heißen Oliver und Irina, Sergej und Emma.
Haidach in Pforzheim: Russische Bücher, russischer Supermarkt, russische Musik
Auf den Balkonen sonnen sich Menschen, manch ein älterer Mann oberkörperfrei, aus den geöffneten Fenstern dringt russische Musik, häufig Folklore. In den Blumenbeeten wachsen Tulpen und Osterglocken, dazwischen steht ein Gartenzwerg. Wären nicht die hässlichen Hochhäuser, könnte der Haidach eine attraktive Wohngegend sein.
An Klein-Moskau erinnert auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten aber: Die Wohnungsgesuche und Möbelverkäufe am Schwarzen Brett sind teils auf Deutsch, teils auf Russisch, in der Büchertauschbörse finden sich abgegriffene russische Romane, im Supermarkt liegt die kostenlose Zeitung „Aussiedlerbote“ aus – auf der zweiten Seite findet sich auf Deutsch der Hinweis, dass man den Krieg in der Ukraine verurteilt.
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