Pinned UPA: Faschisten oder Helden oder was denn nun wirklich?

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    • Das polnische Parlament hat nun eine gemäßigtere Formulierung beschlossen, mit der der Gedenktag des Wolhynien-Massakers gedacht werden soll:
      Der Sejm gedachte dem Massaker nun mit einer Deklaration, um die es – wie bisher immer – einen Streit gegeben hat. Während vor fünf Jahren von „Verbrechen mit den Kennzeichen eines Völkermords“ gesprochen wurde, entschied sich der Sejm dieses Mal für die Formulierung „ethnische Säuberung mit den Kennzeichen eines Völkermordes“. Die Erklärung wurde mit 263 zu 33 Stimmen bei 146 Enthaltungen angenommen.
      Quelle: Kein Völkermord und keine rituelle Schlachtung

      Ich denke, diese Formulierung kommt der Wahrheit ziemlich nah. Die Morde von 1943 sind ein düsteres Kapitel für die UPA, das im krassen Gegensatz zu dem aufopferungsvollen Kampf gegen die sowjetischen Invasoren steht, für den sie vor allem im Westen der Ukraine bis zum heutigen Tag verehrt wird.

      Ich habe in den vergangen Tagen ein wenig in meinen Büchern gewühlt, ob ich dort noch weitere Information zu dem gegenseitigen Abschlachten von Ukrainern und Polen finden konnte. Tatsächlich ist die Information hierzu ziemlich dünn. Bei Frank Golczewski's Geschichte der Ukraine wird nicht weiter darauf eingegangen, bei Orest Subtelny ist der Abschnitt zu dem Thema eher kurz:
      Die UPA bekämpfte nicht nur die Nazis und die Sowjets, sondern wurde auch in den gemischt besiedelten Gebieten von Wolhynien, Polesien und Khelm in den mehr und mehr brutalen Konflikt zwischen Polen und Ukrainern verwickelt.

      Egal wie der Krieg ausginge, waren ukrainische integrale Nationalisten entschlossen, die Polen (von denen viele Kolonisten aus der Zwischenkriegszeit waren) aus Gegenden zu vertreiben, in denen Ukrainer die Mehrheit stellten. Ihrerseits war die polnische nationalistische Untergrundarmee, die Armija Krajowa (AK), ebenso entschlossen, die Kontrolle über alle Gebiete zu erlangen, die vorher Teil Polens gewesen waren. Das Ergebnis war ein mörderisches Ringen (oft ermutigt durch die Deutschen und provoziert durch sowjetische Partisanen) zwischen ukrainischen und polnischen Kräften um Territorien und um alte Rechnungen zu begleichen.

      Tragischerweise litt die Zivilbevölkerung am meisten. Nach polnischen Quellen wurden in Wolhynien zwischen 1943 und 1944 zwischen 60.000 und 80.000 polnische Männer, Frauen und Kinder durch Ukrainer massakriert worden, vor allem durch die SB, der Sicherheitskräfte der OUN. Ukrainer wiederum behaupten, dass Massaker an ukrainischer Bevölkerung bereits früher, im Jahre 1942 begonnen hatte, als Polen Tausende ukrainischer Dorfbewohner in den vorwiegend polnischen Gebieten um Khelm ausgerottet hatten und dass sie damit 1944-1945 fortfuhren, diesmal unter der wehrlosen ukrainischen Minderheit am San-Fluss.

      In jedem Fall ist es klar, dass sowohl ukrainische als auch polnische bewaffnete Einheiten sich an einem regelrechten Schlachtfest beteiligten, das die Grundlage für einen generationslangen Hass zwischen beiden Völkern legte.
      (Quelle: Orest Subtelny: Ukraine a History)

      Interessant ist hier auch die Frage, wie weit man in diesem Zusammenhang OUN und UPA als "deckungsgleich" betrachten kann. Bei Subtelny wird hier eigentlich immer unterschieden, während z.B Franziska Bruder zu beweisen versucht, dass es eine Unterscheidung eigentlich de facto nicht gab. Dies ist einer der Punkte, die sie in ihrem Buch zu beweisen versucht, gleichzeitig ist die These aber durchaus umstritten, da die UPA bereits kurz nach ihrer Gründung durch die immer intensiveren Kämpfe mit Wehrmacht und Roter Armee in vielen Gebieten immer mehr eine Volksbewegung wurde, die weniger durch Politik als durch Überlebenskampf und Freiheitsstreben getragen war.

      Generell sagt man ja, dass Wikipedia nett ist, um mal kurz etwas nachzusehen, andererseits aber als wissenschaftliche Quelle nicht wirklich taugt, da für viele Inhalte nicht belegbar ist, ob sie mit wissenschaftlichen Methoden erarbeitet wurden (selbst wenn eine Menge Quellen dabei stehen, man braucht nur mal sehen, wie die Diskussionen zwischen den Schreibern um die Inhalte ablaufen, da wird einem schon einiges klar). Ich finde aber tatsächlich den folgenden Artikel ziemlich interessant, weil er aus meiner Sicht einigermaßen neutral geschrieben sind und einiges an Information enthalten, was in den einschlägigen Standardwerken leider oft mühsam zusammengesucht werden muss. Der Artikel Polnisch-Ukrainischer Konflikt in Wolhynien und Ostgalizien beschreibt die Umstände rund um und den Ablauf der Auseinandersetzung zwischen Polen und Ukrainern in den 40er Jahren. Da wird zunächst beleuchtet, warum es diesen Konflikt überhaupt gab:
      Die Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg und die damit verbundene AuflösungÖsterreich-Ungarns versuchten sowohl Ukrainer als auch Polen zur Bildung von Nationalstaaten zu nutzen. Dem am 14. November 1918 zum polnischen Staatschef ernannten Józef Piłsudski(1867–1935) hatte zunächst die Errichtung einer von der Ostsee bis zum Schwarzen Meerreichenden, Międzymorze (poln. für „Zwischenmeerland“) genannten slawischen Konföderationvorgeschwebt, die de facto eine Erneuerung der alten polnisch-litauischen Adelsrepublik gewesen wäre. Die miteinander konkurrierenden Nationalismen der slawischen Völker ließen dieses Projekt jedoch schon früh scheitern und es kam schließlich zur Errichtung eines polnischen Nationalstaats, dessen Ostgrenze zunächst noch nicht feststand und dessen Gebietsansprüche sich hier mit denen der Ukrainer und der sich formierenden Sowjetunion kreuzten.[1]

      In Galizien, wo sich die nationalukrainischen Kräfte wesentlich früher organisiert hatten und die Nationsbildung weiter fortgeschritten war, als im russisch beherrschten Teil der Ukraine, war am 13. November 1918 eine Westukrainische Volksrepublik (ukr.: Західноукраїнська Народна Республіка, Sachidno-Ukrajinska Narodna Respublika; SUNR) mit Lemberg als Hauptstadt proklamiert worden. Politisch nahezu völlig auf sich allein gestellt, vermochte sich diese im bald darauf ausbrechenden und bis Sommer 1919 andauernden Polnisch-Ukrainischen Krieg gegen die Zweite Polnische Republik militärisch allerdings nicht zu behaupten. Auch in dem zu Russland gehörenden Teil der Ukraine scheiterte die Bildung eines ukrainischen Nationalstaats im Zuge der Ereignisse des Russischen Bürgerkriegs und des Polnisch-Sowjetischen Krieges. Am 18. März 1921 wurde mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Riga die Ostgrenze Polens neu definiert und die Gebiete östlich des Bug, die nicht mehrheitlich von Polen bewohnt waren, zu Teilen der Zweiten Polnischen Republik gemacht.[2]

      Der sich fortan in den Grenzen des polnischen Staates befindliche Westteil Wolhyniens umfasste rund 36.000 km2, die Fläche Ostgaliziens rund 47.000 km2. In Wolhynien lebten damals rund 2,3 Millionen Menschen, von denen aber nur etwa 350.000 bzw. knapp 17 % der Gesamtbevölkerung Polen waren. 70 % der Bevölkerung waren Ukrainer, 10 % Juden. Ganz ähnlich war die ethnische Situation auch in Ostgalizien, dessen polnischer Bevölkerungsteil mit 25 % zwar etwas größer war, wo auf die Ukrainer aber dennoch 64 % der Gesamtbevölkerung entfielen und der jüdische Bevölkerungsanteil ebenfalls 10 % betrug.[3] Die polnische Regierung versuchte dieses numerische Ungleichgewicht „mit einer gezielten Boden- und Siedlungspolitik“ auszugleichen, indem sie polnische Bauern in beiden Gebieten ansiedelte.[4] Diesen wurden Teile des polnischen Großgrundbesitzes übereignet und finanzielle Unterstützungen gewährt. Obwohl auch ukrainische Bauern von der Aufteilung polnischen Großgrundbesitzes profitierten, sorgten die übrigen Maßnahmen der polnischen Regierung, wie die Einführung der polnischen Sprache im orthodoxen Gottesdienst, die Beschneidung des ukrainischen Schulwesens, die Unterdrückung politischer Regungen und die Verhaftung zahlreicher Aktivisten bei den Ukrainern für steigendes Unbehagen und Hass.[5]

      Die Ukrainer Galiziens gingen schon bald zu offenem Widerstand gegen die polnische Politik über, der sich in den zwanziger Jahren zu einem regelrechten Kleinkrieg auswuchs bei dem polnische Gutshöfe verbrannt sowie Sabotageakte und Anschläge auf polnische Politiker verübt wurden. 1929 kam es in Wien zur Gründung der Organisation Ukrainischer Nationalisten (Orhanizacija Ukrajinskych Nacionalistiv; OUN), die vor allem unter der Jugend Galiziens zahlreiche Anhänger fand. Unter Oberst Jewhen Konowalez (1891–1938) wurde sie zu einer disziplinierten militärischen Untergrundbewegung ausgebaut, die ab 1930 Terroranschläge auf polnische Einrichtungen, Beamte und Gutsbesitzer sowie Ukrainer, die mit den Polen zusammenarbeiteten, ausführte. Der polnische Staat reagierte darauf mit weiteren Verhaftungen und einer Verschärfung seiner Nationalitätenpolitik. Die polnische Politik gegenüber den Ukrainern und anderen Minderheiten, die „im ganzen gesehen assimilatorisch und repressiv“ war, vermochte aber auf diese Weise bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges weder die polnische Vorherrschaft zu festigen, noch die ukrainische Mehrheitsbevölkerung zu loyalen und in die polnische Republik integrierten Staatsbürgern zu machen.[6]
      Zu den Opferzahlen heißt es hier:
      Zwischen 1942 und Kriegsende wurden allein in Wolhynien schätzungsweise 50.000–60.000 Polen,[14] unter Einschluss der übrigen Gebiete der Ukraine möglicherweise bis zu 100.000[15]–300.000[16][17] von ukrainischen Nationalisten getötet. Diese Massaker an der polnischen Bevölkerung, die polnischerseits als „Wolhynische Gemetzel“ (rzeź wołyńska), ukrainischerseits als „Wolhynische Tragödie“ (Волинська трагедія) bezeichnet werden, fanden ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, teilweise zumindest unter Duldung der deutschen Besatzungsmacht statt (vgl. dazu beispielsweise Huta-Pieniacka-Massaker). Die Hauptverantwortung für den Terror lag bei der Bandera-OUN, doch trugen auch die Deutschen unmittelbar zur Konflikteskalation bei, indem sie sich z. B. bei der „Pazifikation“ der Dörfer mitunter als polnische oder ukrainische Partisanen ausgaben.[18] Auch die von den Deutschen organisierten und kontrollierten ukrainischen und polnischen Schutzmannschaften (militärisch organisierte Polizeihilfskräfte) griffen auf beiden Seiten in den Konflikt ein.
      Polnische Partisanengruppen erwiderten die Massaker an Angehörigen ihrer Volksgruppe mit ebenso grausamen Übergriffen an der ukrainischen Bevölkerung, denen nach manchen Schätzungen 20.000–40.000 Ukrainer zum Opfer fielen (vgl. dazu z. B. Pawłokoma).[19]
      Es dürfte klar sein, dass die Heroisierung von OUN-Größen wie Stepan Bandera durch viele Ukrainer in Polen nicht auf Gegenliebe trifft. Und ich denke auch, dass aus einer "neutralen" Perspektive heraus eine unkritische Verherrlichung der OUN und der UPA unangebracht ist. Auf der anderen Seite spricht einiges dafür, dass OUN und UPA nicht so untrennbar miteinander verbunden war, wie Franziska Bruder es in ihrem Buch gern betont, und dass die UPA zwar an den Massakern beteiligt war, die Hauptlast der Verantwortung aber bei der OUN-Führung zu suchen sein dürfte. Das wäscht die UPA sicher nicht von jeder Verantwortung rein, aber es spricht aus meiner Sicht einiges dafür, dass die UPA eine typische Partisanenarmee war, die durchaus häufig kriegsrechtswidrige Methoden einsetzte, um ihre Ziele zu erreichen, sich dabei aber weder im positiven noch im negativen Sinn wesentlich von anderen Partisanenarmeen unterschied, wie z.B Maos und Titos kommunistische Partisanen, um nur zwei Gruppen zu nennen, die heute mit weit weniger Vorurteilen betrachtet werden. Die Charakterisierung als "faschistische Mörderbande" ist eine Geschichtsversion, die von der Sowjetunion lanciert wurde, was man vor allem vor dem Hintergrund dessen betrachten sollte, wem diese Version der Geschichte nützte. Die Aufrechterhaltung dieser Version durch das moderne Russland lässt sich aus meiner Sicht 1:1 auf die selbe Art erklären.

      Zum Thema Partisanenarmee möchte ich noch gern den aus meiner Sicht ausgezeichneten Artikel von Dubinjanskij empfehlen, der in deutscher Übersetzung auf Ukraine-Nachrichten erschienen ist: Die Ukrainische Partisanenarmee - hier wird gerade von dieser Perspektive analysiert, inwieweit sich die UPA tatsächlich von anderen Partisanenarmeen unterschied. Ich will das jetzt nicht hier zitieren, es lohnt sich aber einen Blick da hinein zu werfen.

      Zum Schluss möchte ich gern bemerken, dass ich schon oft Diskussionen mit befreundeten UkrainerInnen hatte, die mir gegenüber verteidigten, warum ihrer Ansicht nach Bandera ein Held sei und als solcher gesehen werden müsse. Hier findet eine Reduktion einer hochgradig ambivalenten historischen Figur auf nur zwei, drei Aspekte statt - der Kampf für die Ukrainische Unabhängigkeit, die erbrachten persönlichen Opfer, das Schicksal als "Märtyrer". Diese Reduktion ist in ihrer Qualität der Reduktion sehr ähnlich, die polnische Nationalisten dieses Jahr mal wieder mit erhöhter Vehemenz im polnischen Parlament als Resolution erreichen wollten. Abgesehen davon ist es schon ziemlich lustig, dass ultrakonservative polnische Katholiken hier gern bereit sind, mit ukrainischen Kommunisten und "Antifaschisten" der PR - Kolesnichenko und sein kleines oder großes Gruselkabinett - zusammenzuarbieten, dieses Bündnis sollte man sich tatsächlich einrahmen und auf Klo aufhängen :kozak-lulka:
    • Dein Artikel ist super, mbert!

      Deswegen eigentlich nur noch eine kleine Anmerkung:

      mbert wrote:

      Zum Schluss möchte ich gern bemerken, dass ich schon oft Diskussionen mit befreundeten UkrainerInnen hatte, die mir gegenüber verteidigten, warum ihrer Ansicht nach Bandera ein Held sei und als solcher gesehen werden müsse. Hier findet eine Reduktion einer hochgradig ambivalenten historischen Figur auf nur zwei, drei Aspekte statt - der Kampf für die Ukrainische Unabhängigkeit, die erbrachten persönlichen Opfer, das Schicksal als "Märtyrer".
      Diese Reduktion auf das Heldentum Banderas ist meines Erachtens sogar richtig und nötig. Folgende Argumente möchte ich dafür anführen:

      Der entscheidende "Vorteil" der OUN-UPA ist die Tatsache das sie den Ukrainischen Staat nicht erkämpft haben sondern unterlegen sind. Keiner weiß also wie sie als Staatsmacht regiert hätten! Man kann es nur vermuten.
      Was man aber weiß ist wie die zwei Kriegsmächte Russland und Deutschland, Polen im Vorfeld, operiert haben. All diese Fremdmächte setzten auf Expansion in der Ukraine, währen die einen auf die Nazi-Ideologie bauten, und die anderen sie mit dem "Segen" des Kommunismus überzogen. Beides verheerende Auswirkungen auf das ukrainische Volk.
      Der Artikel von Dubinjanskij ist ohne Zweifel gut, dennoch ist es m.E. wichtig zu erwähnen das es entscheidend ist das Partisanen grundsätzlich im eigenen Kerngebiet operieren welches durch Fremdmächte okkupiert wurde, sieht man von Attentatsversuchen militärischer oder politischer Größen ab. Der Partisanenkrieg wird also nicht in das Kernland der Angreifer getragen! Dies würde einer Partisaneneinheit die Begrifflichkeit Terrororganisation einbringen, was sicher nicht so gewollt sein kann.
    • Minuteman wrote:

      Diese Reduktion auf das Heldentum Banderas ist meines Erachtens sogar richtig und nötig.

      Hmm, da kann ich nicht ganz mitgehen. Bandera begann als Terrorist (so würde man das wohl heute nennen). Seine Vision einer unabhängigen Ukraine war sicher mit den Werten, die die meisten von uns haben, wenig kompatibel. Er räumte einige Konkurrenten im eigenen Lager mit Gewalt aus dem Weg und war zu einem Teil verantwortlich für die Spaltung der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung. Gut, Bandera rief einen ukrainischen Staat aus, der aber von vorn herein Makulatur war und wurde anschließend von den Nazis eingesperrt. Am Befreiungskampf gegen Deutsche und Russen hatte er praktisch keinen Anteil.

      Das, wofür die UPA die Bewunderung der Menschen im Westen hat, war der aufopferungsvolle Kampf gegen Invasoren aus allen Richtungen und die Tatsache, dass vor allem im Westen so ziemlich jede Familie UPA-Kämpfer in ihren Kreisen hatten. Dafür steht Bandera aber überhaupt nicht. Diese ganze Mystifizierung ist aus meiner Sicht total schädlich, weil es Russland dadurch viel zu leicht wird, weiter die Geschichte zu fälschen.
    • mbert wrote:

      Hmm, da kann ich nicht ganz mitgehen. Bandera begann als Terrorist (so würde man das wohl heute nennen). Seine Vision einer unabhängigen Ukraine war sicher mit den Werten, die die meisten von uns haben, wenig kompatibel. Er räumte einige Konkurrenten im eigenen Lager mit Gewalt aus dem Weg und war zu einem Teil verantwortlich für die Spaltung der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung.
      Das steht ausser Frage und ich bin vollkommen konform.
      Fakt ist aber das Bandera der "Heldentitel", nicht die Annerkennung "Held der Ukraine" unter Juschtschenko, sondern allgemein auferlegt wurde und nun Strassennamen und Denkmäler das Strassenbild zieren.
      Wenn es nach mir ginge, was es nicht tut, hätten andere Persönlichkeiten der OUN meiner Ansicht nach eher Anspruch darauf als Freiheitskämpfer und Helden der Ukraine zu gelten. Lev Rebet wäre z.B. einer dieser Kandidaten!
      Ich wage mich jetzt etwas weit aus dem Fenster, aber ich wage mal zu behaupten das Bandera eher den Befreiungskampf symbolisiert, denn als Person zu sehen ist!


      mbert wrote:

      Gut, Bandera rief einen ukrainischen Staat aus, der aber von vorn herein Makulatur war und wurde anschließend von den Nazis eingesperrt. Am Befreiungskampf gegen Deutsche und Russen hatte er praktisch keinen Anteil.
      Nicht nur das er am aktiven Kampf praktisch keinen Anteil hatte, hier eher noch Schuchewitch, denn genaugenommen rief Bandera noch nicht mal den ukrainischen Staat aus ;) , sondern Stetsko!
    • UPA: Faschisten oder Helden oder was denn nun wirklich?

      Weil das Thema UPA hier immer wieder auftaucht, habe ich einige Beiträge dazu aus anderen Themen zusammenkopiert und das Ganze hier unter "Geschichte Ukraine" oben eingehängt. Ich bitte Euch, Beiträge zu diesem Thema hier einzustellen. Ggf. werde ich Beiträge hierher verschieben.
    • Ich habe gerade ein großartiges Interview gelesen, das der russische Historiker Andrej Zubow zur systematischen Mythenbildung in der Sowjetunion und ihrer Auswirkung auf das Geschichtsbild vieler in ihren Nachfolgestaaten gegeben hat - mit besonderem Fokus auf die "Banderywzi". Hier ein paar Auszüge:
      In der Sowjetunion, damit es etwas zum brandmarken gab, musste man, vor allem nach dem 2. Weltkrieg, einfach den Faschismus nennen. So wurden die „Banderowzy“ Faschisten genannt, obwohl dies natürlich nicht der Wirklichkeit entsprach.

      Das war eine typische nationalistische Organisation der Militärzeit mit einer eigenen Armee und einem terroristischen Flügel. Damals handelten viele auf diese Weise. Natürlich begeisterten sich einige Führer der ukrainischen Nationalbewegung für die Idee einer Zusammenarbeit mit Mussolini. Aber als bester Schüler von Mussolini wurde trotzdem Joseph Stalin genannt. Ich denke, dass Stalin ein größerer Faschist als Bandera war, ja sogar größer als Mussolini.

      Die Sowjetarmee führte einen großen Krieg gegen die mächtige Aufstandsarmee auf dem Gebiet der Ukraine. Wie nennt man so etwas?

      Um zu sagen, dass es ukrainische Patrioten waren, hätte bedeutet, sich selbst zu widersprechen. Die Sowjetmacht war sehr stolz darauf, dass sie allen Völkern das Recht zur nationalen Widergeburt gab.

      Den Banderowzy wurde alles nachgesagt: Der Genozid am ukrainischen Volk, die Vernichtung der Juden, die Zusammenarbeit mit Hitler und alle erdenkbaren Grausamkeiten. Die Banderowzy sind ein Beispiel für die große Lüge des Sowjetsystems.

      Dabei war die nationale Freiheitsbewegung vom Gesichtspunkt der Geschichte eine antikommunistische.

      Stepan Bandera lebte in dem Gebiet, das an Polen grenzt. Er sah, wie während des Holodomor sich ausgehungerte Menschen an die Grenze zu Polen schleppten und wie sie von sowjetischen Grenzsoldaten erschossen wurden. Und dafür hasste er die Sowjetmacht.

      Jeder Nationalismus ist ein fürchterlicher Schmerz, besonders mit Waffen in den Händen. Aber Bandera war hundertmal weniger grausam als der NKWD von Beria oder Abakumow [beide waren Leiter des sowjetischen Geheimdienstes], der gegen die Banderowzy kämpften.

      Sepan Bandera kämpfte nicht gegen die Ukraine, sondern gegen den Totalitarismus des Sowjetsystems, das alle andersdenkenden Bürger vernichtete.

      Deshalb war jeder Versuch, sie von diesem Staat zu befreien bereits ein gerechtes Element. Und in diesem Sinn rechtfertig sich die Bandera-Bewegung eher aus einem moralischen Gesichtspunkt als aus einem stalinistischen Sowjetstaat.

      Das muss man erklären – der Reihe nach und systematisch.

      [...]

      Unsere Wahlen wurden 2007, 2008, 2011 und 2012 gefälscht. Bei uns regiert ein illegales, nicht-legitimiertes Regime und wir hören nicht auf, das wiederholt zu sagen.

      Natürlich kam bei Ihnen das Regime durch eine Revolution an die Macht. Es verfügt nicht über eine vollständige Legitimation. Aber Sie bemühten sich, so schnell wie möglich zur Legitimation zurückzukehren, indem Sie unter Achtung aller Regeln und Normen Präsidentschaftswahlen durchführten.

      „Junta“ wurden die ukrainischen Politiker genannt, die heute an die Macht kamen, und nur deshalb, weil man sie nicht wollte. Und Janukowitsch verkörperte das gleiche diebische Regime, wie es in Russland läuft.

      Aber die Sache mit Politikern, die vom Volk gewählt wurden und die ihre Aufgabe darin sehen, in der Ukraine einen echten demokratischen Staat zu bauen, ist so, dass sie für das Kremlregime gefährlich sind.

      Es ist gefährlich, wenn es einen solchen Staat in der Nachbarschaft gibt. Das ist ein anderes Russland.

      Die Ukraine war über viele Jahrhunderte ein anderes Russland. In der Ukraine unter der Litauisch-polnischen Herrschaft behauptete sich das Magdeburger Recht.

      Dieses andere Russland ist eher europäisch und zivilisierter. Im 17. Jahrhundert unter den ersten Zaren der Romanow-Dynastie gab es in Bezug auf die Ukraine eine schreckliche Mode. Ukrainische gelehrte Mönche, ukrainische Bojaren und Politiker kamen nach Russland und gründeten Schulen, um die Kinder der Zaren zu unterrichten. Das andere Russland impfte der Moskauer Rus Zivilisation ein.

      Und heute könnte es sich wiederholen. Nicht in dem Sinne, dass Russland die Ukraine erobert. Vielmehr in dem Sinne, dass eine unabhängige Ukraine, die kulturell, sprachlich und religiös nahe verwandt ist, vieles geben kann, nachdem der schwere Weg der europäischen Integration gegangen und die Wiederherstellung jener Kulturformen durchgeführt wurde, die während des kommunistischen Regimes zerstört wurden.

      [...]
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