Interview mit Serhij Zhadan: Sich an Dinge halten, die uns vor dem Krieg wichtig waren

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Forumsstruktur

    • Interview mit Serhij Zhadan: Sich an Dinge halten, die uns vor dem Krieg wichtig waren

      Sehr lesenswertes Interview. Serhij Zhadan ist einer der profiliertesten Autoren der Ukraine. Er stammt selber aus dem Donbass, ist aber in einer ukrainischsprachigen Community aufgewachsen.

      Ukraine Nachrichten schrieb:

      [...]
      – Kann allgemein Kultur eine Waffe sein?

      - Kultur kann einfach Therapie sein. Eine solche Funktion ist mir viel sympathischer und näher. Ein Schriftsteller kann schreiben, kann lesen, vortragen, sich mit Lesern treffen. Es ist absolut möglich, dass das für jemanden anderem interessant und wichtig ist als für ihn.
      Tatsächlich ist es in der gegenwärtigen Situation viel wichtiger als in der Zeit vor dem Krieg. Man muss sich an das halten, was uns wichtig war, grundlegend und prinzipiell vor dem Krieg. An Dinge, die uns mit dem Zustand des Lebens in Frieden verbinden, als man die Möglichkeit hatte ins Theater, ins Kino, auf Konzerte zu gehen. Das Fehlen hiervon bedeutet, dass ein Teil Deines Lebensraums verschwunden ist. Es gibt dann die Gefahr, dass anderes die Lücke füllen wird: Misstrauen, Angst, Unsicherheit, Frustration, Aggression usw….

      – Manchmal erzählt man, man habe den Donbass lange ignoriert, nicht gehört. Aber es gibt auch die Version, derzufolge Donbass auch nicht geredet hat.

      - Ich möchte sagen, niemand hat gehört. Bei uns hat der Staat existierte und funktionierte durch den Widerspruch von Initiativen und Wünschen der Bürger. Ich denke, man hat auch den Raum Charkiw genau so wenig gehört wie den Donbass. Ich vermute auch das Karpatenland. Aber wen hat man bei uns gehört? Für wen von uns war es gut? Das ist wirklich so eine Kinderei sich zu beschweren, zu klagen und zu sagen: „Wir haben hier die Waffen in die Hand genommen, wir haben zu schießen begonnen, aber wir sind nicht schuld. Uns hat man einfach nicht gehört.“ Hierin gibt es etwas überhaupt nicht Ernsthaftes.
      Ich versuche in keiner Weise, die Schuld dieser Region zuzuschieben. Mir scheint, alles ist viel komplizierter. Zu sagen, dass man sie nicht hörte, ist Unwahrheit, zu sagen, dass sie die Bedingungen diktierten, ist ebenfalls nicht wahr. Jetzt kann man hören: „Dieser Donbass, der versuchte, dem Land zu diktieren, wie es zu leben habe“. Wer hat diktiert? Die Schwerarbeiter, die in die Bergstollen eingefahren sind? Wem haben sie etwas diktiert?
      [...]
      Weiter: Ukraine-Nachrichten